Freitag, 9. Juni 2023

It's okay to be queer!

LGB never without the T

Wir leben in einer beängstigenden Zeit, in der alles, was von der cis-heterosexuellen Norm abweicht, erneut auf gesellschaftlicher Ebene um seine Existenz und die Berechtigung dieser kämpfen muss. Aber woher kommt das? Woher kommen diese Ängste, die sich, wie für Angst nun einmal so üblich, durch ihre Irrationalität auszeichnen? Worin liegt eigentlich die Bedrohung?

Steile These vorweg genommen: ich glaube, die eigentliche Bedrohung des Status Quo liegt in dem unbändigen Mut, welchen es braucht, sich loszusagen von den gesellschaftlichen Erwartungen und sein eigenes authentisches Selbst zu leben. Denn wer über eine solche Menge an Mut verfügt, der ist auch an anderer Stelle nur schwierig zu stoppen und ja, dieser Mensch stellt Forderungen an das vorherrschende System, welche Veränderungen erfordern, die beängstigend wirken können. Denn Veränderung bedeutet Ungewissheit und mit letzterer kann der Mensch als solcher nur sehr schwierig umgehen. Das Sicherheitsbedürfnis koppelt sich also an das Bekannte und das Bekannte bedeutet einen möglichst unumstößlichen Status Quo, welcher sich notfalls mit Gewalt zu behaupten versucht.

Aber zurück zum Anfang...

Denn selbst die LGBTQIA+ Community springt aktuell auf den Zug der Transphobie mit auf und es gibt innerhalb der Community Bewegungen, die ganz klar proklamieren "LGB without the T". Aus Furcht. Denn was passiert, wenn man sich auf die Seite des aktuellen Zieles von Hass und Gewalt stellt? Man begibt sich ebenfalls in die Schusslinie. Und so gerät in Vergessenheit, dass die gesamte Community noch heute kein bisschen in Freiheit leben könnte, hätte es nicht vor gut 50 Jahren in Nordamerika ein paar unbändig mutige trans*-Frauen of Colour gegeben, die in Stonewall auf die Straße gegangen sind und dem Establishment den Kampf angesagt haben. Die Befreiung "started with a riot" und das T in LGBTQIA+ war dafür unentbehrlich!

Aber "trans*", was bedeutet das eigentlich? Und was bedeutet "cis"?

Ich bin kein Grammatikexperte und bin mir selbst nicht sicher, ob Adjektiv oder adverbiale Bestimmung an dieser Stelle der korrekte Ausdruck ist. Ich bin kein Germanist und will auch keiner werden. Und ihr seid höchstwahrscheinlich auch alle keine Germanist*innen, weshalb ich mich an dieser Stelle ganz bewusst für simple Alltagssprache und gegen eine tiefer gehende sprachliche Recherche entscheiden will. Und ich will es absichtlich simpel halten, denn eigentlich ist es das auch: trans* besagt, meinem Verständnis nach, nichts anderes als "vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweichend", wohingegen cis nichts anderes bedeutet als "dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechend". Es sind also eigentlich einfach nur Ergänzungen zur genaueren Beschreibung des nachfolgend genannten Geschlechts. Wenn ich also sage "Ich bin ein trans*-Mann", dann sage ich "Ich bin entgegen dem mir bei meiner Geburt zugewiesenen Geschlecht ein Mann", und wenn ich sage "Ich bin ein cis-Mann", dann sage ich "Ich bin dem mir bei meiner Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechend ein Mann". Beide dieser Aussagen sind in ihrer Natur also rein deskriptiv (beschreibend) und nicht wertend. Und ich könnte genau so gut einfach sagen: "Ich bin ein Mann.", was in einer idealen Gesellschaft auch keiner zu hinterfragen bräuchte.

So die Theorie. In einer idealen Gesellschaft.

Doch wir leben in keiner solchen idealen Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich in ihrer Entstehungsgeschichte so oft Verletzungen zugefügt hat, dass sie noch längst nicht geheilt ist. Und wir leben in einer Gesellschaft, die diese Verletzungen nicht länger sehen möchte, weil sie sich selbst so krampfhaft als fortschrittlich und zivilisiert begreifen will, dass sie gar nicht in der Lage ist, zuzugeben, dass das System an sehr sehr vielen Stellen noch immer nicht nur fehlerhaft ist, sondern auch alten Schemata folgend immer wieder neue Fehler begeht. Und einer dieser Fehler ist die andauernde Instrumentalisierung marginalisierter Gruppen, also derer, die sich am schlechtesten wehren können. Diejenigen, die zum Schutz ihres Lebens eher schweigen als rebellieren werden. Und das betrifft nicht nur trans*Personen, das betrifft auch nach wie vor Kriegsflüchtlinge, People of Colour und andere Gruppen. Dieses Problem ist systemisch.

Aber Du und ich, wir sind kein System. Wir sind lebende, fühlende und uns mehr oder weniger unser Selbst bewusste Menschen. Wir können Fehler erkennen und benennen. Und wir können Entscheidungen treffen. Vielleicht nicht gesamtgesellschaftlich. Aber für uns selbst. Im Kleinen. Und wir können uns dafür entscheiden, den Mut zu haben, wir selbst zu sein - was auch immer das bedeuten mag - und dazu zu stehen. Also lass uns mutig sein und ich versichere Dir: Du bist nicht allein!

Freitag, 2. Juni 2023

It's okay to be queer!

In & Out of Queerness

Natürlich hätte ich diese Reihe sinnigerweise starten können mit einem simplen Coming-Out, welches euch ein paar Labels um die Ohren haut und dann wisst ihr bescheid. Aber es geht hier nach wie vor nicht um mich als eine Art Selbstdarsteller und das wäre auch gar keine realistische Wiedergabe der Reise zum heutigen Zeitpunkt und meinem heutigen Selbstverständnis, welches darüber hinaus noch immer in Teilen unklar und chaotisch ist.

Wo fange ich also an?
Am Besten am Anfang.

Als Kind sind Geschlecht und Sexualität mehr oder weniger fremde Begriffe und selbst wenn die Begriffe bekannt sind, das Konzept dahinter ist dann doch meist noch eher unklar. Zumindest ging es mir damals so. Vor sagen wir 25 Jahren, also als ich 5 Jahre alt war und langsam damit begann ein gewisses Selbstverständnis zu entwickeln, gab es der geläufigen Meinung nach genau zwei Geschlechter: Jungen und Mädchen. Und welches davon man war, das entschied sich bei der Geburt anhand des primären Geschlechtsmerkmals. Während also im Mutterleib dank noch nicht so gut entwickelter Ultraschalltechnik und meiner wohl recht ausgeprägten Klitoris ganz klar war: dieses Kind wird ein Junge, kam ich dann zur Welt und meine Eltern wurden zur Geburt ihrer Tochter beglückwünscht. Der Stempel war gesetzt: Mädchen. So steht es in meiner Geburtsurkunde und so war das dann halt einfach.

Dass das Ganze eben doch nicht so einfach würde, muss zumindest meiner Familie schon recht früh klar geworden sein, weil ich den Erwartungen, welche mit diesem "Mädchen sein" einhergingen dann doch nur selten und wenn auch nur unter Protest nach kam. Für mich war es immer ein Abwägen zwischen "ich bin aber so und so" und "die Erwachsenen bestimmen das jetzt so". Klar. Als Kind bestimmt man noch nicht über das eigene Leben. Man erhält Anleitung und Regeln und je nach Erziehungsmethode eben mehr oder weniger Freiheit zur Selbstentfaltung.

Mit den Jahren, in meinem Fall war ich 9, kommen dann sekundäre Geschlechtsmerkmale hinzu. Mir wuchs ein recht üppiger Busen und zumindest für alle um mich herum war nun wieder einmal bestätigt: Mädchen.

Für mich selbst begann nun aber etwas ganz anderes klar zu werden: kein Mädchen.

Ich entwickelte in dieser vor-pubertären Phase also regelrecht misogyne Einstellungen zu den Frauen und Mädchen in meinem Umfeld und trainierte mir somit an, was ich heutzutage als toxische Maskulinität bezeichnen würde. Denn ich fand absolut scheiße, was ich war und das wurde nun einmal mit dem Label "Mädchen" betitelt, also konnte die einzig logische Schlussfolgerung zu jenem Zeitpunkt nur lauten "Mädchen (und folglich auch Frauen) sind scheiße!" - das lag für mich klar auf der Hand. Und es schien zu jener Zeit auch der letzte mir noch verbleibende Konsens mit den Jungs zu sein, welche mich nun zwar dank meines wachsenden Busens auch als ein solches Mädchen sahen, aber von denen ich wollte, dass sie mich weiterhin in ihrer Mitte akzeptierten. Bis dorthin waren wir schließlich immer ganz unhinterfragt Bolzkumpel und Freunde gewesen und ich hatte mir meinen Platz zwischen meinen männlichen Altersgenossen nie zuvor erkämpfen müssen. 

Aber Zeiten ändern sich. Der Körper ändert sich. Hormone machen Dinge mit einem.

Im Teenageralter sorgten besagte Hormone dann für erste Verliebtheiten. Und ich fand ziemlich schnell heraus, dass ich mich emotional zwar zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlte, ein Penis mich jedoch abschreckte. Also logische Schlussfolgerung zu jenem Zeitpunkt: "Mädchen sind nicht länger komplett scheiße, Jungs sind zwar ganz süß, aber - ich bin lesbisch."

Das entsprechende Coming-Out bei meinen Eltern hatte ich dann mit 14 oder 15.
"Mama, Papa - ich bin lesbisch."
Papa fand es super, denn ich könne so wenigstens nicht schwanger werden.
Mama fand es nur so semi super, weil sie unbedingt Oma werden wollte und dafür wäre Geschlechtsverkehr mit einem Mann von Nöten, also proklamierte sie viel lieber: "Ach Kind, ein bisschen bi schadet nie!"

Mit 15 dann stimmte ich ihr in gewisser Weise zu, hatte meinen ersten Freund und fand das nur so mittelmäßig gut, weil dieser bestimmte Erwartungen an mich als seine "Freundin" stellte. Und damit meine ich gar keine sexuellen Erwartungen - ich blieb jungfräulich. Ich meine die Geschlechterrolle, welche ich seiner Ansicht nach zu erfüllen hatte. Er würde mich beschützen und stolz überall vorzeigen und ich würde toll finden und machen, was Mädchen eben so toll finden und machen. Letzteres definiere ich jetzt nicht näher aus, denn das käme aktuell definitiv noch von keinem guten Ort.

Mein zweiter Freund hingegen war mindestens genauso gender-non-conforming wie ich zu jener Zeit und hatte gar keine Schwierigkeiten damit, mich als seinen Freund zu bezeichnen und mir sogar ganz klar zu zu sprechen "der Mann in der Beziehung" zu sein. Und verdammt - das fand ich so richtig richtig gut! Bis die Realität "moin" gesagt hat, an dem Abend als wir gemeinsam zum ersten Mal Sex haben wollten. Denn uppsi, er hatte einen Penis. Und schockierende Neuigkeit: ich nicht.
Schlussfolgerung daraus: absolute Überforderung, Trennung - ich kann das nicht!

Aber ab da konnte ich noch etwas anderes nicht mehr. Ich konnte nicht mehr mit mir selbst leben.

Ich zwang mich also in die Rolle, welche mein mir bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht zu implementieren schien und bemühte mich entgegen jeden besseren Wissens, als Frau zu leben. Ich setzte die Maske einer Cis-Hetero-Frau auf und begab mich in eine Abwärtsspirale, aus der ich ab der Schwangerschaft mit meinem Kind dann auch kein Entkommen mehr sah.

Ich sperrte mich selbst in eine Gefängniszelle, von der ich sicher war, ich hatte es verdient, dort drinnen zu sitzen. Ich internalisierte eine Transphobie mir selbst, nicht anderen, gegenüber und schmiss den Schlüssel zu dieser Gefängniszelle so weit es ging fort.

No more Queerness.

No more happiness...

Das war im letzten Jahr, als ich 29 war, 10 Jahre her. Und seitdem ist etwas geschehen.

Die Tür wurde geöffnet.

Freitag, 26. Mai 2023

It's okay to be queer!

 Um diese neue Storyline in der Wunderkotztüte einzuleiten, möchte ich noch einmal dazu zurückkehren, als was dieser Blog eigentlich schon immer gedacht war. Dies ist kein Ort bloßer Selbstdarstellung zum Selbstzweck. Mit diesem Blog wollte ich schon immer ein Statement setzen, dass wer immer diese Worte liest, nicht allein ist in dieser Welt. Seien es Depressionen, körperliche Beeinträchtigungen, oder whatever - und das auch schon in jungen Jahren: Du bist damit nicht allein!

Und mit noch etwas anderem bist Du an diesem Ort nicht allein: Queer-Sein.

Viel zu lange habe ich diesen Anteil meiner Identität sowohl verdrängt als auch verleugnet, weil ich mich durch meine ganzen Krankheiten und Beeinträchtigungen eh immer schon wie ein Fremdkörper in dieser Gesellschaft gefühlt habe und anstatt mir zu sagen "jetzt ist auch egal" bin ich den gegenteiligen Weg gegangen und habe mir gesagt: "Irgendwo ist auch Mal genug, Du musst Dich auch mal anpassen."

Welch ein wirklich dummer dummer Trugschluss! Denn im Gegensatz zu meinen Krankheiten und Beeinträchtigungen, welche ich nun einmal habe, die ich aber nicht in einem Identität stiftenden Sinn bin, ist mein Queer-Sein sehr wohl ein absolut essenzieller Teil meiner Identität und das zu verleugnen ist 1000-fach schlimmer, als Krankheit XY schön zu reden oder zu verschweigen.

Ich habe so unnötig lange gebraucht, mir selbst zu erlauben, auch nur für möglich zu halten, dass ich ich selbst sein kann. Getrost dem Motto: "Ich habe aber dieses und jenes in meinem Leben getan oder erlebt und deswegen verdiene ich es doch gar nicht mehr, mein authentisches Selbst überhaupt kennenlernen zu dürfen." Was ein Schwachsinn!

Botschaft Nummer 2: Du bist weder zu jung, aber auch erst recht nicht zu alt, um Dich selbst neu kennenzulernen unter der Prämisse von nun an ehrlich mit Dir selbst sein zu wollen. Der Rest der Welt folgt dann mit der Zeit, während Du endlich mit Dir selbst ins Reine kommst.

Aber von meinem jetzigen Standpunkt, welchen ich noch erläutern werde, aus gesprochen, muss ich auch sagen: sich zu outen - sei es erstmal nur vor sich selbst oder auch bereits vor anderen - ist keine automatische Heilung all der Verletzungen und Fehleinschätzungen über was dieses Ding, namens Leben, eigentlich ist oder sein kann. Es ist mehr das Öffnen einer Tür. Der Tür, welche den Zugang erlaubt zu all diesen Dingen, welche einer Heilung benötigen. Aber es ist kein Zaubertrick und keine Magie, wodurch plötzlich alles an Ort und Stelle fällt. Das ist eine naive, wenn auch vielleicht berechtigte und ein Stück weit notwendige Hoffnung, welche weiterhin den Komfort einer Illusion liefert, in der alles okay ist. Aber hinter der Tür liegt eben nicht nur der alte Schmerz, sondern auch neuer Schmerz und neue Herausforderungen, die abschreckend sein können und viel Ungewissheit mit sich bringen und das alles ist beängstigend und befreiend zugleich. Und es ist eine Reise.

Eine Reise, auf die ich euch, meine hoffentlich noch immer vorhandenen Leser*innen, mitnehmen möchte...

Montag, 22. Mai 2023

Ein erneutes Lebenszeichen

Vorweg: ich bin wirklich froh, dass ich nicht meinen Lebensunterhalt als Blogger verdiene, denn ich wäre pleite und längst verhungert. But, back to business it is!

Was ist passiert?
Was gibt's Neues?
Und wie geht es denn nun tatsächlich weiter mit dem Blog?

Der letzte Beitrag ist nun schon wieder mehr als zwei Jahre alt und ehrlicherweise muss gesagt sein, ich habe vorhin bestimmt 20 Minuten gestruggled, um überhaupt wieder Zugriff auf diesen Blog zu erhalten, weil das viel zu viel Zeit ist, die da ins Land gegangen ist.

Aber ich bin noch da und es ist wirklich viel passiert in den letzten zwei Jahren.

Deshalb nun einmal ein kurzer Überblick:

Ich habe wieder begonnen zu studieren, worauf ich wirklich lange hin gearbeitet habe. Aktuell befinde ich mich also im vierten Semester meines 2-Fach-Bachelorstudiums der Philosophie und Skandinavistik. Und ich glaube, ich habe mich noch nie so wohl mit etwas gefühlt, wie mit meinem Philosophiestudium. 10/10 - würde mich immer wieder für Philosophie entscheiden. Auch wenn ich einen 1-Fach-Bachelor, welchen es an meiner Uni unglücklicherweise nicht gibt, dahingehend klar bevorzugen würde. Seit Neustem bin ich sogar Teil der Philo-Fachschaft. Das ist schon ziemlich cool.

Meine Social-Skills haben sich also in den letzten zwei Jahren deutlich verbessert. Ich genieße den Kontakt zu anderen Studys und fühle mich richtig wohl damit, auch mal außerhalb des Campus gemeinsam Dinge zu unternehmen. Und auch meinen engeren Freundeskreis habe ich inzwischen sehr bewusst gewählt, um möglichst positive Kontakte zu haben, die mir und meiner geistigen Gesundheit tatsächlich förderlich sind. Glaubt mir, manchmal muss man Menschen auch "Tschüss" sagen.

Apropos "Tschüss"-sagen: den Callcenter-Job habe ich mit Studienbeginn auch direkt an den Nagel gehangen, um mich wirklich zu 100% auf die Uni fokussieren zu können. Außerdem war das ein Scheißjob und ich bin kein bisschen traurig darüber, nicht mehr im Burnout zu sein. Finanziert wird mein Leben aktuell durch BaFöG, was nicht viel ist, aber vollkommen okay, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Und weil 100% auf die Uni konzentrieren dann doch irgendwie zu viel ist, bekleide ich seit letztem Jahr ein Ehrenamt im Bereich E-Sports und Digitalisierung, wo wir uns aktuell im Neuaufbau des Teams befinden und viele spannende Dinge geschehen. Das ist ein sehr schöner Ausgleich zum Studium. Also ja, ich habe wieder angefangen zu zocken.

Meine Stresstoleranz wurde unterdessen durch einen Umgangsprozess auf die Probe gestellt, welcher mich Zeit, Nerven und viel zu viel Geld gekostet hat. Aber das ist ein Kapitel, welches in diesem Blog gar nicht weiter ausgeführt werden soll.

Der wahre Meilenstein ist jedoch: ich bin im Januar tatsächlich 30 Jahre alt geworden. Ein Alter, von dem ich niemals dachte, es zu erreichen und nun doch da bin. Und jetzt kann ich auch gerne noch älter werden. Das Leben ist zwar immer noch beängstigend, aber trotz all der Tiefen, durch welche ich mich bereits navigieren musste, dennoch lebenswert.

Darüber hinaus gibt es gar nicht so viel Neues. Ich bin immer noch Single, chaotisch veranlagt und nicht gerade der typische 30-Jährige.

Die wirklichen Big-News hingegen verdienen ihre eigene Storyline und sind der Grund, warum dieser Blog noch nicht gänzlich ausgestorben sein soll. Andererseits mache ich diesmal gar nicht erst irgendwelche Versprechungen, welche ich dann eh wieder nicht halten werde.

Freitag, 2. April 2021

Black Dog Story

Dialektische Verhaltenstherapie
Kurz: DBT

Ich hatte Dir, lieber Leser, bei unserer letzten Begegnung ja schon angeteasert, dass ich dir etwas mehr zu der Methodik der DBT erzählen möchte.

Erst einmal ein paar allgemeine Informationen vorweg:

Die dialektische Verhaltenstherapie findet vorwiegend Anwendung im Umgang mit Patienten, die unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden. Sie basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, welche darauf ausgelegt ist, dem Patienten eine Selbstbeobachtungsgabe zu verleihen, durch welche man krankheitsbedingten Verhaltensmustern aus eigener Kraft entgegen steuern kann. Hilfe zur Selbsthilfe also durch genaue Beobachtung und gesteigertes Verständnis der eigenen Denk- und Verhaltensmuster. Die dialektische Verhaltenstherapie geht jedoch noch ein paar Schritte weiter und kombiniert diese kognitive Verhaltenstherapie mit weiteren Methodiken wie unter anderem der Achtsamkeitsmeditation.
In der dialektischen Verhaltenstherapie gibt es fünf übergeordnete Module: "Innere Achtsamkeit", "Zwischenmenschliche Fertigkeiten", "Umgang mit Gefühlen", "Stresstoleranz" und "Selbstwert/-akzeptanz". All diese Module sind Teil des DBT-Skilltrainings.
Zudem umfasst die dialektische Verhaltenstherapie in der Regel eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie. Letztere konnte ich dank der aktuellen Pandemielage bisher leider noch nicht in Anspruch nehmen, was ich inzwischen schon etwas schade finde. Sobald die Inzidenzen es zulassen und ich meine Impfungen erhalten habe, besteht jedoch die Hoffnung, dass auch ich noch dieses Jahr mit der Gruppentherapie starten kann.
Inzwischen findet die dialektische Verhaltenstherapie in jeweils leicht abgewandelter und angepasster Form in vielen Bereichen Anwendung, die über den Umgang mit Patienten mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung hinaus gehen. So wird sie hauptsächlich angewandt bei Patienten, welche mit einer Fremd-/Eigengefährdung zu schaffen haben. Darunter fallen Menschen, welche unter Suizidalität leiden, aber auch Straftäter und Menschen mit anderen schwerwiegenden psychischen Störungen.

Auch mir mit meiner komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, welche von schweren depressiven Episoden, gelegentlicher Suizidalität und Angst- und Anpassungsstörungen begleitet wird, hilft die dialektische Verhaltenstherapie aktuell sehr. Zwar führe ich kein Stress-/Suizidalitätsprotokoll, wie es eigentlich Teil der Therapie ist, aber ansonsten bin ich mit vollem Einsatz dabei. Der Stress, welchen eine akurate Protokollführung auf Grund meiner aufgespaltenen Persönlichkeit in mir verursacht, hat sich einfach zu schnell als kontraproduktiv erwiesen.

Jedoch bin ich seit Anfang des Jahres fleißig dabei, mir das Modul der Stresstoleranz zu erarbeiten. Auf Grund der komplexen PTBS ein sehr großer Baustein im Gerüst meiner psychischen Labilität. Denn um mich signifikant zu stressen braucht es meist nicht viel und mein grundlegender Stresslevel liegt im Regelfall schon höher als bei einem Menschen mit stabilerer Psyche. Auch besteht meine Stresskurve nicht aus ausgedehnten Tälern und kurz anhaltenden und schnell wieder abklingenden Stressspitzen, sondern gestaltet sich viel mehr stufenförmig und die Stressspitzen fallen viel langsamer wieder ab und meist nicht zurück aufs vorherige Level. Der Stress hält mich gefangen und schießt schnell auf ein Niveau, bei welchem klare Gedanken nicht mehr greifbar sind und irrationale Panik und Angst bis hin zur akuten Todesangst mein Denken und Handeln übernehmen und bestimmen. Was, wie man sich wohl vorstellen kann, sehr anstrengend ist und einen bis aufs Mark erschöpfen kann. Zudem schränkt es die eigene Fähigkeit, den Alltag so zu bestreiten, wie es gesellschaftlich von einem erwartet wird, stark ein. Alles fühlt sich an wie ein Minenfeld. Jeder ist ein potenzieller Stressor. Jede Begegnung könnte die nächste Panikattacke bringen. Alles ist so unfassbar anstrengend. Aber nach Außen hin, da wird die Ruhe bewahrt, bis man endlich wieder allein ist und ungestört am Rad drehen kann...

Was also tun, um die eigene Stresstoleranz zu steigern und nicht mehr 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche innerlich ein Frettchen auf Koks zu sein?! Das will ich Dir, mein Leser, bei unseren nächsten Begegnungen ein wenig näher bringen.

Ps.: gerade hat mein inneres Frettchen sich glücklicherweise nur eine kleine Line gezogen, aber für Herzrasen und Kopfschmerzen reicht's schon aus, so offen hier mit Dir zu kommunizieren

Samstag, 20. März 2021

Black Dog Story

 Ich hab jetzt eine qualifizierte Assistenz

"Du hast jetzt eine bitte was?!"

Okay, geläufiger ist das Ganze wohl noch unter dem altbekannten Begriff der sozialpsychiatrischen Betreuung. Im Kern zusammengefasst bedeutet das, ich habe beim Amt für Eingliederungshilfe auf Grund meiner psychisch bedingten Beeinträchtigungen im Alltag Unterstützung beantragt und erhalte nun über einen Träger in Höhe der vom Amt genehmigten Fachleistungsstunden zusätzlich zur Therapie noch weitere Hilfe.

Immer noch zu viel Fachchinesisch? Alles klar. Klär ich auf.

Auf Grund meiner komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, welche ja von einer dissoziativen Identitätsstörung begleitet wird, gibt es für mich im Alltag Herausforderungen, die, wenn ich sie allein bewältigen muss, manchmal schier übermächtig auf mich wirken. Das können natürlich richtig große Herausforderungen sein wie bürokratische Akte: Amtsgänge, Anträge, Versicherungskram - so Sachen, wo kaum einer durchblickt eben. Oder aber emotionale Herausforderungen wie die Bewältigung von Trauer, Trennungen oder zwischenmenschlichen Konflikten, aber auch das Aufbauen einer gesunden Bindung oder Beziehung. Oder es sind so simple Dinge wie täglich meine Zähne zu putzen, regelmäßig unter die Dusche zu gehen statt einer Katzenwäsche mit Lappen und Seife, die Wohnung immer sauber halten, den von mir so gehassten Pappmüll runter bringen statt ihn zu stapeln, Pfand wegbringen, einkaufen gehen ohne einen Rappel zu bekommen und und und. Die Liste könnte ich recht lang weiterführen, das ist mir dann gerade aber doch zu viel Seelenstriptease. Ihr versteht ja das Prinzip.

Da meine Therapeutin sich in der mit mir stattfindenden Verhaltenstherapie aber gerne auch darauf konzentrieren können würde, Traumaarbeit und integrative Anteilsarbeit mit mir zu machen, anstatt mir ständig dabei zuzuhören, wie ich über meinen chaotischen Alltag abkotze - Therapiestunden sind nunmal leider auch nicht unendlich und Krankenkassen sagen irgendwann auch einfach mal "also jetzt reicht's aber erstmal für die nächsten zwei Jahre, Sie pausieren jetzt" - musste jemand her, der mit mir die Alltagsbaustellen angeht. Denn von meiner Therapie sind jetzt nur noch gut 15 Stunden übrig. Mit Glück 35 Stunden, wenn die Krankenkasse sich gnädig zeigt. Wonach es aktuell nicht für mich aussieht, aber das ist ein anderer Schnack. Die bestehen jetzt darauf, dass ich mir bis Monatsende einen Psychiater suche, weil da mal ein Facharzt ran muss, sonst gibt's kein Krankengeld mehr. *hust* Wichser *hust* 

Was also tun?

Meine Therapeutin hatte den Vorschlag, noch jemanden ins Boot zu holen, vor einiger Zeit schon einmal gemacht und damals war ich einfach noch nicht bereit dafür. Zu dem Zeitpunkt lautete der gängige Begriff eben auch noch "Betreuung" und ganz ehrlich: das ist psychologisch gesehen nicht die angemessenste Begrifflichkeit, weil es eben doch zu sehr nach Entmündigung klingt. Erst letzten Dienstag habe ich sowohl meiner Therapeutin als auch meiner qualifizierten Assistenz den psychologischen Mehrwert der Umbenennung in die Assistenz erklärt. Denn eine Assistenz zu haben bedeutet, der Boss zu sein. Es bedeutet, Unterstützung in den Lebensbereichen zu erhalten, von denen man selbst entschieden hat, dass man da allein keinen Bock drauf hat. Assistenz bringt die Assoziation zur Selbstbestimmtheit und ist somit direkt um einiges positiver konnotiert in der Wahrnehmung des Patienten als dieses elendige Wort "Betreuung". Zumal viele Leute mit dem Begriff des Betreuers einen gesetzlichen Betreuer gleichsetzen und davon ist eine qualifizierte Assistenz in ihren Kompetenzen meilenweit entfernt - ich bin in keiner Weise entmündigt. Im Gegenteil würde ich sogar behaupten, dass ich in meiner Mündigkeit eher noch bestärkt werde durch die Assistenz an meiner Seite.

Aber wie bin ich denn nun zu dieser Assistenz gekommen?

Auf Grund der Covid-19 Pandemie sicherlich etwas unkomplizierter und unkonventioneller als die deutsche Bürokratie es vorsieht, aber im Prinzip natürlich auf dem bürokratischen Weg. Und wie der aussieht fasse ich euch jetzt in den einzelnen Schritten zusammen, welche ich gegangen bin.

  1. ein Anruf beim örtlichen Amt für Eingliederungshilfe
    Bei diesem Telefonat habe ich der Mitarbeiterin am Telefon erst einmal gesagt, was ich möchte, nämlich dass meine Therapeutin es auf Grund meiner Diagnosen XY für sinnvoll hält, wenn ich eine qualifizierte Assistenz zur Seite gestellt bekomme. Die Mitarbeiterin hat sich dann meine Nummer geben lassen und mir gesagt, der für mich zuständige Sachbearbeiter würde sich in den kommenden Tagen bei mir melden.

  2. der Rückruf des Sachbearbeiters
    simple Sache: hier wurde nur schnell ein Termin für's Evaluationsgespräch ausgemacht

  3. Evaluationsgespräch
    Das war schon spannender, da es hier darum ging dem Sachbearbeiter zu beschreiben, was denn eigentlich meine Probleme sind. Und ja, ich hasse diese Art von Gesprächen, weil sie einen dazu zwingen, sich seiner Psyche vollumfänglich im Schnelldurchlauf zu stellen und einem völlig fremden Menschen einfach alles zu schildern. Hätte ich nicht schon immer einen sehr offenen Umgang mit meiner Lebensgeschichte gepflegt, wären diese Gespräche noch 1000x schlimmer für mich und anstatt "nur" zu dissoziieren und irgendwelche Spastiken an den Tag zu legen, würde ich wahrscheinlich die Hälfte an relevanten Informationen weglassen, nur weinen und keinen einzigen grammatikalisch korrekten Satz zustande bringen. Ein Glück blieb es bei einer kleineren Dissoziation und einigen spastischen Bewegungen, die ja aber glücklicherweise außer mir niemand sehen konnte.
    Am Ende dieses verbalen Höllentrips stand dann jedenfalls die Terminabsprache für das so genannte Hilfeplangespräch.

  4. Hilfeplangespräch
    Hier werden Ziele festgelegt in den verschiedenen vom Amt vorgegebenen Lebensbereichen und wenn ich meinen Hilfeplan nicht irgendwo verbaselt hätte, könnte ich euch dazu jetzt auch mehr sagen - hab ich aber. Diese Ziele definieren genauer, was die qualifizierte Assistenz mit einem bearbeiten soll. Beispielsweise die eigene Sozialkompetenz oder Aufgabenbewältigung. Was immer die eigenen individuellen Baustellen auch sein mögen.

  5. Antragsstellung
    Natürlich geht, wie bei fast allem, auch hierbei nichts ohne einen offiziellen Antrag. Hier werden die üblichen Eckdaten abgefragt: wer bin ich, wo wohn ich, wie viel Vermögen versteck ich vorm Staat und was will ich weshalb?

Parallel zur Hilfeplanerstellung, also nach dem bestandenen Evaluationsgespräch, geht es an die Suche nach einem geeigneten Träger. Da gibt es größere, wie die Arbeiterwohlfahrt, oder aber auch kleinere lokale Träger, wie in meinem Fall. Google ist hierbei ein guter Berater.

Ich bin per Mail an meinen Träger herangetreten, da ich von Telefonaten vorerst genug hatte. Anschließend hat man sich zu einem Kennlerngespräch verabredet und die Antragsbewilligung vom Amt abgewartet. Als diese dann nach wenigen Wochen per Post ins Haus geflattert kam, ging alles ganz schnell und bereits eine Woche später konnte das für mich neue Abenteuer der Zusammenarbeit mit einer qualifizierten Assistenz starten. Das Pensum beläuft sich für mich aktuell auf vier Fachleistungsstunden wöchentlich, was bedeutet, ich sehe meine Assistenz zwei Mal die Woche für 1 ½ Stunden. Das ist natürlich super, denn so kommt man richtig gut voran in der gemeinsamen Arbeit!

Der große Vorteil meines Trägers: die Jungs und Mädels sind alle super lieb und ausgebildet in Dialectic Behavioral Therapy, kurz DBT.  Und was das genau ist, verrate ich euch beim nächsten Mal.

Bis dahin, bleibt gesund ihr Lieben ❤

Mittwoch, 10. März 2021

Ein Lebenszeichen

Was war los?
Was gibt's Neues?
Und wie geht's weiter mit dem Blog?

* * * * *

Hallo lieber Leser,

lange nichts mehr von einander gehört. Zuletzt begegnet sind wir uns im Oktober 2019 auf meiner "Odyssee des Schmerzes". Was ist seither geschehen?

Nun, 2019 endete bei mir im Kampf gegen die Rückenschmerzen mit viel Krankengymnastik, Massagen und Moorbehandlungen, damit ich dann Anfang 2020, um genau zu sein am Valentinstag, fähig war, an einer ambulanten dreiwöchigen Sportreha teilzunehmen. Parallel bin ich natürlich fleißig weiter zur Therapie gegangen. Nur zur Arbeit eben noch nicht wieder. Dazu sollte mich die Reha dann ja aber wieder befähigen.
Kaum eine Woche in der Reha kam dann mal wieder ein größerer Knall: ein Abszess in meiner linken Kiefernebenhöhle, der binnen 24 Stunden operiert werden musste, da er sonst eine ernstzunehmende Gefahr für mich dargestellt hätte. Und ehrlich gesagt haben mir die circa 17 Stunden mit dem Ding in meinem Gesicht vollkommen genügt, um mich psychisch nicht mehr beisammen halten zu können.
Apropos Psyche: seit Anfang 2020 gibt es auch hier nun eine von meiner Therapeutin gestellte Diagnose, welche komplexe posttraumatische Belastungsstörung mit dissoziativer Identitätsstörung lautet. Vereinfacht gesagt habe ich also schon in meiner Kindheit Traumata erlebt, was sich so dann durchs Leben fortgezogen hat und in einer multiplen Persönlichkeitsstörung geendet ist. Ich bin viele. Yay! Klingt erstmal ziemlich schlimm und verrückt, aber 1 Jahr später kann ich sagen, dass mit guter Therapie und integrativer Anteilsarbeit viel zu erreichen ist an Stabilität und dass die Störung bei mir nicht allzu ausgeprägt scheint. Oder ich hab's einfach gut im Griff. Da bin ich leider keine Expertin.
Aber ich schweife ab...
Nachdem also meine Kiefernebenhöhle von innen geöffnet und der Abszess zusätzlich durch Antibiotika behandelt worden war, ging es zurück in die Reha, welche am 13.3.2020 für mich ihr Ende fand. Einen Tag bevor der erste Lockdown in meiner Heimatstadt verkündet wurde, denn natürlich ist Covid-19 auch hier Anfang 2020 angekommen und hat allen das Leben gehörig auf den Kopf gestellt.

Wie ging es also für mich weiter neben Covid-19, den Lockdowns und der noch immer andauernden Odyssee des Schmerzes?

Um es möglichst kurz zu halten, fasse ich die einzelnen Themenbereiche einmal grob zusammen:

Gesundheitlich war ich bis zum Juli Dauergast bei meiner Zahnärztin in der Praxis und durfte mehrere Wurzelbehandlungen, so wie das Füllen diverser Löcher über mich ergehen lassen, was schließlich in einem vom Kieferchirurgen gezogenen Backenzahn gipfelte. Meine Strafe für das mehrjährige Meiden des Zahnarztes und offen gestanden auch einer guten Zahnhygiene.
Kaum war der Zahn dann gezogen, ging es an die Behandlung eines weiteren Problems. Im Laufe der Reha waren durch eine der Behandlungen Schmerzen in meinem Unterleib ausgelöst worden, welche auf eine mögliche Endometriose hindeuteten. Eine Erkrankung der Gebärmutter, welche oftmals mit starken Schmerzen und möglicher Unfruchtbarkeit einher geht und deren gesicherte Diagnose mithilfe einer Bauchspiegelung erfolgen kann. Meine Frauenärztin hatte mir zunächst zur erneuten regelmäßigen Einnahme der Anti-Baby-Pille geraten, da diese wohl Symptome lindern könne. Leider hat die Pille mir nichts genutzt, außer dass meine Menstruation nun auch schon ein gutes Jahr nicht mehr vorhanden ist, da meine Gebärmutter keine Schleimhaut mehr ausbildet. Laut meiner Frauenärztin Unfruchtbarkeit und die Zielerfüllung der Pille. Um aber meinen Symptomen effektiv an den Kragen gehen zu können, habe ich mich schlussendlich für die Bauchspiegelung entschieden.
Nein, ich habe keine Endometriose. Aber eine Sigmaadhäsion. Was das heißt? Mein Darm und mein Beckenknochen sind eine eher unheilige und doch sehr innige Bindung in Form einer Verwachsung mit einander eingegangen. Diese ist im Rahmen der Bauchspiegelung, so weit möglich, gelöst worden und zumindest die Unterleibsschmerzen konnten so um einiges reduziert werden. Manchmal fühlt es sich zwar noch immer an, als würde mir ein Ziegelstein im Darm liegen, dort wo man Becken und Darm getrennt hat, und mir ist ein wenig der Spaß am Essen abhanden gekommen, aber im Großen und Ganzen ist vieles besser geworden.

Meine Entlassung aus dem Krankenhaus nach der Bauchspiegelung wurde jedoch überschattet durch die schlimmste Nachricht, welche 2020 mir zu bieten hatte: dem Suizid eines sehr lieben Freundes und Arbeitskollegen in der Nacht vom 9ten auf den 10ten  August.

Bezüglich der Arbeit fand zwar eine Widereingliederung in meinen Job, allerdings in einer neuen Abteilung und vom Homeoffice aus, statt, aber wirklich Fuß fassen konnte ich nicht dort bis heute nicht wieder. Ich habe mich wirklich bemüht, aber zusammen mit Covid-19, der Verweigerung von Homeofficearbeit zu Beginn des zweiten Lockdowns, wirklich unangenehmen Mitarbeitergesprächen, welche teilweise leider persönlich angreifend und auch beleidigend meiner Person gegenüber wurden, verweigerten Versetzungen und und und hat auch all der Urlaub dieser Welt nichts nutzen können. Aktuell bin ich bereits seit Anfang Februar wegen eines Burnouts krankgeschrieben. Fiel mir schwer, das zu akzeptieren und damit umzugehen, aber inzwischen weiß auch ich, dass es besser ist so.

Meine ambulante Therapie läuft noch immer weiter und wurde vor gut zwei Monaten durch die Eingliederungshilfe um eine sogenannte qualifizierte Assistenz mit vier Fachleistungsstunden wöchentlich ergänzt. Das heißt, mir steht nun ein sehr lieber Mensch zwei Mal wöchentlich für 1 ½ Stunden mit Rat und Tat zur Seite, worüber ihr in einer künftig geplanten Fortsetzung der "Black Dog Story" mehr erfahren sollt. Denn noch immer ist es mein Ziel, anderen durch psychisch belastete Zeiten zu helfen, indem ich meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse teile.

Was gibt es noch zu sagen? Seit gut drei Wochen ist mein Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis raus, da warte ich jetzt natürlich auf einen Beschluss des Amts. Dann habe ich seit letztem Sommer endlich wieder Kontakt zu meinen Großeltern und unsere Beziehung bessert sich stetig. Seit 2 ½ Wochen besucht mich zudem mein Kind wieder, welches im Sommer tatsächlich auch schon 8 Jahre alt wird und seit gut drei Jahren bei meinen Eltern lebt. Außerdem plane ich zum kommenden Wintersemester erneut ein Studium an der Uni zu beginnen - Skandinavistik und Philosophie in Fachergänzung. Ich habe ein paar liebe Menschen kennengelernt, einige Beziehungen emotional vertieft und wiederum andere emotional gelöst. Dem breiten Verständnis nach bin ich zwar immer noch Single, aber habe trotzdem wieder Liebe in den verschiedensten Formen und Ausführungen in meinem Leben. Außerdem habe ich mir gestern dank eines Attests, welches mir eine Erkrankung im Sinne von §3 der Impfverordnung bescheinigt, meine Impftermine für den Astra Zeneca Impfstoff sichern können. 

Es geht bergauf.

In diesem Sinne: bis bald, lieber Leser!

Dienstag, 15. Oktober 2019

Odyssee des Schmerzes

2 Monate schon Totalausfall
Jedoch mit Hoffnung auf Besserung

Inzwischen ist es zwei Monate her, dass mein Rücken beschlossen hat, erst einmal ein Weilchen die Arbeit zu verweigern. Und es hat sich einiges getan, auch wenn sich vieles wie Stillstand anfühlt.

Zunächst einmal wollen die Erfolge der letzten Wochen genannt sein:
Ich war fleißig in der Krankengymnastik und habe auch zuhause meine Übungen gemacht und das zahlt sich aus. Meine Haltung hat sich extrem verbessert. Ein grader Rücken ist nicht mehr nur Mythos und Eigenschaft anderer. Ich selbst bin nun auch in der Lage, mich in aufrechter Körperhaltung fortzubewegen. Zumindest beim Gehen und Treppen steigen. Im Sitzen schaut das Ganze zugegeben noch etwas unsicher aus, außer ich schiebe - so wie jetzt gerade - meinen Stuhl ganz nahe an den Tisch und zwinge mich so selbst in eine gerade Körperhaltung. Das mag ein wenig geschummelt und Trick 17 sein, doch es hilft. Also warum nicht?
Meine Schmerzen sind auch viel weniger geworden. Natürlich ziept es nochmal hier und dort und gerade nach körperlicher Anstrengung merke ich doch noch ordentlich, dass etwas nicht so ganz in Ordnung ist. Doch der Schmerz ist kein dauerhafter Begleiter mehr und überfällt mich meist nur noch nachts. Wobei gesagt sein muss, dass auch meine Nächte glücklicherweise wieder etwas länger und erholsamer geworden sind.
Und ich kann mit Stolz behaupten, bezüglich meiner Einstellung gegenüber Schmerzmitteln standhaft geblieben zu sein. Ich habe keine Schmerztabletten mehr eingenommen und dadurch mir selbst die Möglichkeit eröffnet, meinen Schmerz aber vor allem auch meine Fortschritte spüren zu können. Das war nicht immer einfach und an manchen Tagen habe ich mich dafür selbst verflucht. Aber sowohl meine Physiotherapeutin als auch ich sind der Meinung: diese Entscheidung war richtig und wichtiger Teil des Heilungsprozesses. Ich habe so ein völlig neues Körpergefühl entwickeln können, welches mich meine Grenzen genauso wahrnehmen lässt wie meine neuen Stärken. Das ist wichtig, damit ich auch zukünftig rücksichtsvoll mit meinem Rücken umgehen kann.
Außerdem unterstützen sowohl meine Physiotherapeutin als auch mein behandelnder Neurochirurg mein Vorhaben, eine Reha-Maßnahme zu beantragen. Der Antrag liegt bereits hier neben mir und ich hoffe so sehr, dass mir eine ganztägige ambulante Reha genehmigt wird vom Rententräger! An dieser Stelle wäre ich für jeden gedrückten Daumen eurerseits dankbar!

Doch natürlich läuft wie so oft im Leben auch bei Weitem nicht alles rund. Ich habe nun schon vor gut drei Wochen meinen Antrag auf Krankengeld gestellt und die Bearbeitung scheitert, wie bereits im Vorfeld von mir befürchtet, an meinem Arbeitgeber. Und das macht mich richtig sauer. Gefühlt habe ich seit Beginn meiner Erkrankung nur noch Ärger mit meinem Arbeitgeber. Hat man mir in meinem alten Projekt noch regelmäßig was von der Fürsorgepflicht gegenüber den eigenen Arbeitnehmern erzählt, so frage ich mich jetzt: wo ist diese so hoch gepriesene Fürsorge, wenn es wirklich darauf ankommt? Im Krankheitsfall.
Es ist nämlich, wie bereits in einem vorherigen Artikel von mir beschrieben, so, dass die Gehaltsnachweise elektronisch vom Arbeitgeber an die Krankenkasse übermittelt werden müssen. Das ist, sollte man zumindest annehmen dürfen, ein recht unproblematischer Vorgang. Die Daten liegen dem Arbeitgeber grundsätzlich ja vor. Mein Arbeitgeber vermittelt momentan jedoch recht erfolgreich einen gegenteiligen Eindruck. So habe ich heute nach mehrmaligen Anrufsversuchen endlich jemanden aus der Personalabteilung ans Telefon bekommen. Jene Person tischte mir dann brühwarm auf, dass diese Übermittlung der Daten bezüglich meines Gehalts an die Krankenkassen keinesfalls vor der nächsten Gehaltsabrechnung nächste Woche Montag getätigt werden könne. Das ist mit Verlaub eine bodenlose Frechheit! Ich meine, mal ganz im Ernst, wer soll denn bitte glauben, dass die EDV nur im Zusammenhang mit der aktuellen Gehaltsabrechnung in der Lage ist, elektronisch auf bereits erstellte Gehaltsabrechnungen zu zu greifen? Denn um diese geht es ja. Die bereits erstellten Gehaltsabrechnungen bis zur Beendigung meiner Lohnfortzahlungen Ende September. Das ist alles bereits im System vorhanden. Es muss lediglich weitergeleitet werden. Und die Höhe?! Per Fax sei das problemlos sofort möglich, nur elektronisch halt nicht. Ehm, ja... Danke für nichts!! Ich fühle mich richtig hart verarscht und Fürsorge sieht anders aus. So vergrault man seine Angestellten. Oder bringt sie, so wie in meinem Fall, so sehr auf die Palme, dass sie demnächst einmal dem Betriebsrat einen Besuch abstatten werden. So lasse ich mich halt echt nicht mehr kommentarlos behandeln - von niemandem.

Es ist eine Frechheit, wie in unserer Gesellschaft teilweise mit chronisch kranken Menschen umgegangen wird. Die - eventuell zeitlich begrenzte - Arbeitsunfähigkeit entwertet einen zum "faulen Stück" und "Sozialfall". Begrifflichkeiten, die nicht selten fallen und durch den angewandten Tonfall so richtig schön verletzend sind und leider oftmals auch genau darauf abzielen - Betroffene nieder machen und verletzen. Zudem fühlt man sich als chronisch Kranker gerade zu Beginn des Krankheitsprozesses oft im Stich gelassen, weil sich niemand so richtig verpflichtet zu fühlen scheint, einen über Behandlungsmöglichkeiten und das eigene Krankheitsbild, sowie notwendige Anträge oder ähnliches aufzuklären oder Prozesse zu unterstützen, die für eine mögliche Genesung unerlässlich sind. Alles muss aus Eigeninitiative heraus erfragt werden! Allem muss hinterher gelaufen werden. Ein Glück kann ich noch laufen! Aber was ist eigentlich mit den Leuten, die das nicht mehr können und die vielleicht niemanden haben, der sich um sie kümmert? Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit so oft. Was ist mit diesen Menschen? Wer hilft denen, die sich selbst nicht helfen können und keinen sozialen Rückhalt haben? Und ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass die Antwort beschämend, erschreckend und humanitär inakzeptabel ist.
Erkrankt man zudem bereits in jungen Jahren, womöglich sogar an multiplen Krankheitsbildern, so wird völlig irrational unterstellt, man habe halt einfach keine Lust zu arbeiten. Ich meine, klar, ist doch logisch: ich habe sowohl meine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und damit einhergehende psychologische Krankheitsbilder, als auch das Rheuma, die Fibromyalgie und meine kaputten Bandscheiben darum gebeten aufzutreten, denn krank zu sein ist ja so viel geiler als gesund zu sein. Wer will schon gesund sein? Hängt ja irgendwie nur alles dran an der eigenen Gesundheit. Also, wer braucht die schon?! Ich hatte schon immer Bock, mich bereits im zarten Alter von 26 wie ein körperlicher und geistiger Totalschaden zu fühlen. Das sind Life Goals!! Oder halt eben auch nicht. Denn nichts davon habe ich mir ausgesucht. Nichts davon macht mir Spaß oder bereitet mir Freude. Ich steh nicht auf meine Schmerzen. Ich steh auch nicht auf meine Albträume, Flashbacks, Hallus und sonstigen Symptome. Alles nicht cool. Ich bin manchmal sogar richtig neidisch auf die gesunden Menschen in meinem Umfeld. Und dann muss ich mir ganz bewusst ins Gedächtnis rufen: "die haben auch ihre Päckchen zu tragen", denn andernfalls würde ich mich abschotten und diese Menschen einfach nur noch richtig kacke finden. Das ist ein Zustand, den ich nicht erreichen möchte.

Was ich dafür umso mehr möchte und hiermit fürs nächste Wunschkonzert anmelde: mehr Empathie. Dass chronisch Erkrankte keine Menschen zweiter Klasse mehr sind. Dass sich gegenseitig geholfen wird. Dass niemand abgehängt wird, wegen Leid, für welches der Betroffene nichts kann. Egal ob körperliche oder psychische Erkrankung - ich wünsche mir, dass ob sichtbar oder unsichtbar, Krankheiten wahrgenommen, akzeptiert, toleriert und auch respektiert werden. Jeder Mensch hat seine Stärken und trotz eventuell vorhandenem Handicap jedweder Art hat jeder einzelne Mensch auch etwas beizutragen, wenn man ihn lässt.

Integration steckt in ihren Babyschühchen und es ist die Aufgabe jedes einzelnen, dafür zu sorgen, dass sie bald ihre Kinderschuhe anziehen kann und dann coole Sneaker für Jugendliche und schließlich diese schnieken Anzugsschuhe, die manche Geschäftsleute so gerne tragen. Integration endet erst dann, wenn alle Menschen wirklich gleich sind.

Freitag, 20. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Zu Besuch bei der Krankenkasse
Ich hätte da mal die eine oder andere Frage...

Ich hatte, wie ihr ja wisst, in den letzen Tagen bereits mehrfach beiläufig erwähnt, dass in meinem Kopf die eine oder andere Frage herum spukt. Und damit mich das nicht mehr ganz so fuchsig macht, boten mir eine Freundin und ihre Mutter an, mich zur Krankenkasse zu begleiten, da wir alle bei derselben Krankenkasse versichert sind und sie so selbst auch noch etwas klären konnten. Somit verabredeten wir uns am Dienstag Nachmittag im Anschluss an meine wöchentliche Therapiestunde bei der örtlichen Niederlassung unserer Krankenkasse.

Da das Gespräch mit der Kundenberaterin der Krankenkasse schwierig in einem Fließtext zusammen zu fassen wäre, werde ich euch an dieser Stelle in der Form eines fiktiven Interviews mit ins Boot holen. Es handelt sich hierbei ausdrücklich um keine Zitate, sondern ein Erinnerungsprotokoll meinerseits. Ich denke, dass diese doch recht allgemein gehaltenen Antworten dem einen oder anderen von euch auch noch behilflich sein könnten, weshalb mir wichtig ist, auch diese Erfahrung mit euch zu teilen.

Los geht's...

Wie berechnet sich das Krankengeld?

Das Krankengeld beträgt maximal 70% des Brutto- bzw. 90% des Nettogehalts. Hat man ein festes Grundeinkommen und verdient über dieses hinaus, zB durch ausgezahlte Überstunden oder Provisionierung, werden die zusätzlichen Verdienste der letzten drei Monate zur Berechnung heran gezogen.

Ab wann fällt man in den Krankengeldbezug?

Der Arbeitgeber ist zu einer Lohnfortzahlung über einen Zeitraum von 6 Wochen bei anhaltender Krankheit verpflichtet. Ab der siebten Woche übernimmt dann die Krankenkasse die Versorgung in Form von Krankengeld. Ist es für die Krankenkasse absehbar, dass eine Krankheit länger als 6 Wochen andauern könnte, kommt diese rechtzeitig schriftlich oder telefonisch auf einen zu, um das weitere Vorgehen besprechen zu können. Werden die 6 Wochen Lohnfortzahlung überschritten, lässt einem die Krankenkasse den Antrag auf Krankengeld schriftlich zukommen.

Wer muss das bisherige Gehalt nachweisen?

Die Krankenkasse fordert im Regelfall den Gehaltsnachweis elektronisch vom Arbeitgeber des Erkrankten an. Kommt dieser der Aufforderung über die Offenlegung des Gehalts nicht nach, wird er erneut dazu aufgefordert, das Gehalt des Erkrankten elektronisch zu übermitteln und offen zu legen. In solchen Ausnahmefällen kann es hilfreich sein, der Erkrankte übermittelt der Krankenkasse seine Gehaltsabrechnungen postalisch in Kopie oder ebenfalls auf elektronischem Wege.

Wann wird das Krankengeld ausgezahlt?

Zum Leidwesen vieler Betroffener kommt das Krankengeld eben nicht wie das Monatsgehalt zu einem festen Datum im Monat, sondern wird immer zum Ende der laufenden Krankmeldung hin ausgezahlt. Das gibt einerseits den Spielraum, wenn man dringend Geld braucht, zum Arzt zu gehen und sich eine kürzere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu lassen, andererseits kann es einen aber auch ganz schön ins Straucheln bringen, je nachdem wann Abbuchungen vom eigenen Konto erfolgen. Hier sollte ruhig mit Bedacht agiert werden. Grundsätzlich wird das Krankengeld als Tagessatz berechnet.

Wie lange kann man Krankengeld beziehen?

Für den Bezug von Krankengeld gilt bei gleicher Krankheit eine sogenannte Blockfrist von drei Jahren. Innerhalb dieser drei Jahre kann für eine Krankheit maximal 78 Wochen lang aufgekommen werden. Entscheidend hierbei ist die auf dem Krankenschein vermerkte ICD-Nummer, also der Diagnoseschlüssel. Außerdem ist wichtig zu wissen, dass sowohl Lohnfortzahlungen als auch etwaige Übergangsgelder zB von der Rentenversicherung während einer Reha-Maßnahme in diese 78 Wochen mit hinein zählen. Bezüglich der Lohnfortzahlung ist jedoch nach Ablauf eines Jahres bei gleichbleibender ICD-Nummer zunächst einmal wieder der Arbeitgeber über die regulären 6 Wochen hinweg in der Zahlungspflicht dem Erkrankten gegenüber.

Gibt es die Möglichkeit, Zuschüsse zum Krankengeld zu beantragen?

Gerade als Geringverdiener, muss ich sagen, ist die Minderung des Einkommens durch den anstehenden Krankengeldbezug ein ziemlicher Stressfaktor. Das Gehalt reicht sowieso schon nur knapp, um über die Monate zu kommen und dann bleibt einem am Ende sogar noch weniger: keine schöne Vorstellung. Jedoch erhält man von der Krankenkasse einen Bewilligungsbescheid, welcher es einem ermöglicht, Beihilfe bei unterschiedlichen Ämtern zu beantragen. So kann zum Beispiel ein Antrag auf Wohngeld gestellt werden, während man Krankengeld bezieht.

Welche Auswirkungen hat es auf mein Krankengeld, dass mein Kind über mich krankenversichert ist?

Keine direkten. Das Krankengeld steigt dadurch nicht. Der einzige Unterschied macht sich im Beitrag an die Pflegeversicherung bemerkbar, welcher vom Brutto-Krankengeld abgezogen wird. Hier verringert sich der Beitrag ein wenig, wenn man älter als 23 ist und ein Kind hat.

Ab wann kann ich eine Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenkasse beantragen?

Grundsätzlich kann jeder und zu jeder Zeit eine Zuzahlungsbefreiung beantragen. Dabei wird dann das Jahresgehalt des Versicherten betrachtet, wovon regulär 2% vom Patienten für Medikamente und weitere ärztliche Verordnungen selbst getragen werden müssen. Um den Antrag stellen zu können, wird das Jahresgehalt des Versicherten benötigt, sowie jegliche Zahlungsnachweise über Medikamente/Verordnungen des laufenden Jahres. Deshalb gilt: immer schön Quittungen sammeln!
Bei der Zuzahlungsbefreiung kann ein mit versichertes Kind übrigens tatsächlich Vorteile bringen. So würde mir für meinen Sohn beispielsweise ein Kinderfreibetrag von 7620€ auf mein Jahresgehalt zugestanden.
Bei einer chronischen Erkrankung, welche einem der behandelnde Arzt über das so genannte Muster 55 bescheinigen kann, wird der Eigenbeitrag zudem von 2% des Jahreseinkommens auf 1% gesenkt. Um als chronisch zu gelten, muss eine Krankheit bereits seit einem Jahr oder länger beim selben Arzt behandelt werden.

Über welche Stelle kann ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden?

Dieser Antrag läuft nicht über die Krankenkasse und leider ist auch das Antragsformular dort nicht zu erhalten. Grundsätzlich muss der Antrag an das Landesamt für soziale Dienste gestellt werden. Unterstützung hierbei findet man, wenn benötigt, beim ortsansässigen Integrationsfachdienst.

Das waren tatsächlich alle meine dringlichsten Fragen, welche ich gerade an meine Krankenkasse hatte. Ich hoffe, auch für euch war eventuell die eine oder andere interessante oder sogar hilfreiche Information dabei.

Eventuell wird es die nächsten Tage erst einmal wieder etwas ruhiger hier in der Wunderkotztüte. Nicht weil ich den Spaß am Schreiben erneut verloren hätte, sondern weil erstmal eine kleine Flaute ansteht. Die nächsten Arztbesuche sind noch hin, die Krankengymnastik pausiert nach meinem heutigen Termin auch erst einmal bis Anfang Oktober und in meinem Privatleben tut sich auch nichts außergewöhnliches. Außer dass auch Lieblingsmenschen einen doof sitzen lassen können und das extrem weh tut. Allerdings weiß ich nicht, ob ich darüber wirklich schreiben möchte, oder ob nicht schon genug dazu gesagt wurde.

Vielleicht entführe ich euch die kommende Zeit wieder ein bisschen in die Black Dog Story und erzähle euch von meiner ambulanten Therapie...

Donnerstag, 19. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Unangenehme Nebenwirkungen
Schlaf- und Essstörungen gibt es momentan frei Haus

Natürlich wäre es angenehm, wenn die Schmerzen die einzig merklichen Symptome der ganzen Sache momentan wären. Aber das sind sie nicht. Und die ganzen Sorgen und Ängste, welche durch meine angeknackste Psyche sicherlich verstärkt werden, meine ich auch nicht. Klar, die sind nervig, aber tatsächlich kann ich dank der Therapie inzwischen so gut damit umgehen, dass ich, zumindest mit der Hilfe von Freunden, deren Ursachen an den Kragen gehen kann. Gestern zum Beispiel war ich in Begleitung einer Freundin und ihrer Mutter nach meiner wöchentlichen Therapiesitzung bei der Krankenkasse, um dort meine offenen Fragen zum Thema Krankengeld und Zuzahlungsbefreiung klären zu können. Dazu jedoch dann beim nächsten Mal mehr.

Heute geht es mir, wie der Subtitel dieses Kapitels bereits verrät, um zwei andere nicht ganz unwichtige Themenbereiche, die mich momentan zusätzlich zu allem anderen auch noch beschäftigen: die seit einem Monat immer stärker auftretenden Schlaf- und Essstörungen als Begleiterscheinung der akuten Krankheitsphase.

Ich kann euch ehrlich gesagt nicht einmal mehr sagen, wann ich zuletzt eine Nacht so richtig durch geschlafen habe. Und das liegt nicht daran, dass mein Kopf mich nicht lassen würde oder ich schlecht träumen würde. Ich träume zum Glück nicht bewusst und wenn, dann nur ganz ganz selten. Nein, es liegt tatsächlich an diesen vermaledeiten Rückenschmerzen. Anfangs weckten sie mich einfach nach gut 5-6 Stunden des Liegens und zumindest in der stabilen Seitenlage konnte ich noch halbwegs gut ein- und durchschlafen. Laut meiner Krankengymnastin zwar keine ideale Schlafposition, doch alles sei besser, als auf dem Bauch zu schlafen. Das dürfte ich momentan auf gar keinen Fall!
Nun gut, die Gefahr besteht auch nicht. Dank meiner recht großen Oberweite gibt es kaum eine unbequemere Schlafposition als die Bauchlage. Meine Brüste drücken mir dann gefühlt alles ab. Apropos Brüste: kleinere wären momentan sicher auch nicht verkehrt, so in Bezug auf meinen Rücken und ich hätte eh nichts gegen 2 Körbchengrößen weniger. Ich muss wohl wirklich dringend abnehmen. Aber zu  dem Problem mit dem Essen kommen wir ja gleich eh noch.
Eine stabile Seitenlage war also vorerst okay.
Doch meine Schlafsituation verschlechterte sich im Verlauf der Wochen zunehmend. Und meine Krankengymnastin sah sich gedrängt, mir eine neue Schlafposition in Rückenlage und mit Wärmflasche und Stützkissen für die Beine ans Herz zu legen, so dass meine Beine höher gelagert und mein Rücken in eine wohltuende Rundung versetzt würde. Die Wärme sollte zudem bei der Entspannung der Muskulatur helfen, was idealerweise zu einer Reduktion der Schmerzen führen würde. Jepp, idealerweise.
Nicht nur, dass die Rückenlage an sich schrecklich unbequem ist - auch ohne zusätzliche Rückenprobleme - ich bekam in der neuen Position endgültig kein Auge mehr zu. Der Bewegungsdrang wurde überwältigend und Nacht für Nacht begann ich die stützenden Kissen aus meinem Bett zu treten und die Wärmflasche zu verfluchen.
Zurück also zur stabilen Seitenlage. Nicht optimal, aber ja wenigstens okay. Die Rückenlage ist mir zudem momentan auch schon gar nicht mehr möglich, weil ich, seit meiner manuellen Therapie, also einer Druckpunktmassage, vor wenigen Tagen, jedes Mal schreien möchte, wenn etwas meinen Rücken berührt. Schreie fördern das Einschlafen tatsächlich eher weniger, so als kleiner Fun Fact am Rande.
Entschuldigt, ich werde langsam wirklich zynisch. Aber ist das ein Wunder?

Inzwischen wache ich seit Tagen mindestens drei bis vier Mal in der Nacht auf, wälze mich unruhig von einer Seite auf die andere und fühle mich morgens komplett erschlagen. Was nicht gerade zu meiner allgemeinen Zufriedenheit oder besserer Laune beiträgt. Um es mit den Worten einer heutigen Kurznachricht meinerseits an eine gute Freundin zu sagen: "Ich töte bald für eine durch geschlafene Nacht". Die Frage ist dann bloß wen...

Und ja, auch mit dem Essen habe ich so meine Probleme bekommen.
Auf der einen Seite sage ich einer Freundin stolz "Ich bemühe mich, Frustfressen ganz bewusst zu vermeiden", was gut ist, denn aus Frust zu essen hat noch niemanden weiter gebracht im Leben. Auf der anderen Seite fragt mich mein bester Freund, wie es momentan um meine Ernährung steht und ich muss ihm ehrlich sagen, dass ich ganz allgemein kaum noch esse. Mein Kopf hat nämlich entschieden: wer sich nicht bewegt, der braucht auch nicht essen. Was erstmal vielleicht auch gar nicht so verkehrt ist. Dummerweise bewege ich mich ja aber weiterhin. Laut meiner Fitnessapp auf dem Handy zum Beispiel war ich in der letzten Woche 480 Minuten körperlich aktiv und habe 214 so genannte Kardiopunkte erzielt - die WHO empfiehlt einem gesunden Menschen 150 wöchentlich. Und Krankengymnastik trage ich dort gar nicht mit ein, es handelt sich dabei also ausschließlich um meine Spaziergänge. Ihr findet den Fehler? Schön, ich auch. Ich ignoriere die Fakten bloß gekonnt, da mein Kopf ja entschieden hat und meine Psyche meinen Appetit quasi still gelegt hat. Ich schaffe auch bloß noch kleine Portionen. An gut 1,5 Litern Käse-Lauch-Suppe hatte ich die letzten vier Tage zu essen und war noch mürrisch mit meinem besten Freund, weil er nicht vorbei kam, um mir etwas ab zu nehmen. Dazu gab es ein Stück Brot am Tag. Und ich hätte noch eine Portion für heute aufbewahren können, wäre das mit der Haltbarkeit bei frischen Lebensmitteln und insbesondere Molkeprodukten nicht immer so eine Sache.

Okay, ihr erkennt das Problem. Ich esse zu wenig. Und ganz ehrlich: ich sehe keinen Anlass, das in nächster Zeit wieder zu ändern. Appetitlosigkeit eben...

Ich wäre wirklich froh und dankbar, diese Symptome wären nie zusätzlich zu den ganzen Schmerzen aufgetreten. Aber sie sind da und ich habe keine Ahnung, wie ich sie auflösen soll. Und glaubt mir, ich unterstütze mich schon mit Hilfe pflanzlicher Arzneien im Alltag, wie zB frisch aufgebrühtem Baldriantee zur Nacht.

Mittwoch, 18. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Machine Gun Kelly
live @ Docks, Hamburg, am 13ten September in der Prinzenbar

Lange haben mein bester Freund und ich hin und her überlegt, ob zu fahren so eine gute Idee sein würde. Es stand die Idee im Raum, einen Campingstuhl oder sogar einen Rollator mit zum Konzert zu nehmen. Doch wirklich überzeugt war er zumindest im Voraus nicht von der Idee, überhaupt zu fahren. Und verübeln kann ich es ihm nicht. Jedoch kennt er meinen Dickkopf nun schon ein Weilchen und es war ihm wohl klar, wenn ich schon bereit gewesen war, unseren für die letzte Woche geplanten Kopenhagen-Urlaub auf Grund meiner gesundheitlichen Situation auf unbestimmte Zeit, jedoch mindestens bis zum nächsten Jahr, auf Eis zu legen, dann würde ich nicht auch noch bereit sein, unseren Besuch des Machine Gun Kelly Konzertes abzusagen. Ich bin, was sowas angeht, ein verdammter Sturkopf.

Also setzte ich mich durch. Er bekam das Auto seines Mitbewohners geliehen, wir trafen uns bei den Jungs vor der Haustür und machten uns auf den Weg. Um die Autofahrt so angenehm wie möglich zu gestalten, hatte ich die bereits zu dem Zweck bewährte Wärmflasche mit und natürlich einiges an Proviant. Unter anderem zwei Flaschen Mate, denn ich bin süchtig nach dem Zeug, und zusätzlich noch allerhand Süßkram. Laut Google Maps würde uns vor Hamburg ein nicht unerheblicher Stau erwarten, also hatte ich vorgesorgt.
Die Autofahrt verlief jedoch super entspannt. Wir hatten freie Fahrt auf der A21, unterhielten uns ein wenig über Gott und die Welt, wie es so schön heißt, und mir rutschte kurz ein etwas unpassender Kosename, beginnend mit "Scha" heraus, wobei ich das A einfach unfassbar lang zog und dann so lange schwieg, bis es vergessen schien. Total bescheuert, ich weiß. Aber ansonsten verlief die Hinfahrt komplett Zwischenfalls frei und der Stau erwartete uns schlussendlich erst in Hamburg, und zwar fußläufig. Denn als wir auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz an den Docks vorbei fuhren und ich die Schlange für das Konzert erblickte, stockte mir für einen Moment der Atem. Die Schlange war lang. Verdammt lang!

Da die Parksituation rund um die Reeperbahn eher nicht so dolle ist, entschieden wir uns schließlich in ein nahe gelegenes Parkhaus zu fahren. Von dort waren es nur wenige Minuten zu Fuß bis zum Veranstaltungsort und wenigstens das Auto stand so warm und trocken. Wobei das Wetter am letzten Freitag tatsächlich ziemlich gut war, weshalb auch wir warm und trocken in der unendlich wirkenden Schlange aus Machine Gun Kelly Fans standen. Und die Schlange wuchs und wuchs, wir waren bei weitem nicht das Schlusslicht. Zugegeben, ich vertrieb mir die Zeit mit Schadenfreude den armen Leuten gegenüber, die noch nach uns dort ankamen. Auch der Hinweis von Hase, irgendwelche Gangstertypen lauthals auszulachen sei sicherlich nicht eine meiner besten Ideen, konnte mein Gekicher nicht vollends unterdrücken. Notfalls wäre ja auch genügend Polizei vor Ort gewesen. Und was hab ich momentan schon groß zu verlieren?

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den Einlass und die Taschenkontrollen und nachdem 50% von uns, welche nicht ich waren, um die Ausweiskontrolle doch noch einmal herum kamen, da sie ihr Alter doch auch ohne die ewige Suche nach dem Portemonnaie glaubhaft machen konnten, waren wir endlich am Ziel angekommen. Einem ziemlich gut gefüllten Ziel. Die Konzerthalle selbst war bereits knüppeldicke voll und so suchten wir uns einen ruhigen Platz mit Stehtisch etwas außerhalb im hinteren Bereich. Mit meinen Rückenproblemchen erschien uns das so oder so nicht die schlechteste Idee. Wir kamen also erst einmal richtig an und sondierten die Lage. Hase schaute, wo man überall gut und einfach an Getränke käme und ich stratzte los auf der Suche nach dem Merchstand, welchen ich auch recht schnell fand.
Nach guten fünf Minuten Smalltalk mit einem der Mercher, ich kann es einfach nie lassen, und um ein Bandana bereichert, kehrte ich dann in unsere gemütliche kleine Ecke zurück. Bloß um festzustellen, dass vor uns zwei Zwei-Meter-Riesen aus dem Boden geschossen waren. Diese entpuppten sich allerdings als ziemlich nette, rücksichtsvolle Jungs, welche sich nicht nur ein Mal erkundigten, ob wir denn auch einen guten Blick auf die Bühne hätten. Die zwei waren trotz ihrer für Konzerte echt fiesen Größe eigentlich ziemlich töffte.

Um 20 Uhr startete der Abend dann pünktlich mit Opening Act Amazonica, einer DJane aus London. Bereits bei ihrem Liveset fiel es mir durchaus schwer, die Füße still zu halten und ich begann fröhlich zu tanzen. Stets unter den skeptischen Blicken meines besten Freundes. Doch die Krankengymnastin hatte gesagt, Tanzen wäre gut für mich, also tanzte ich. Still stehen war ehrlich gesagt vom Schmerzpegel her auch keine wirkliche Option. Das verriet ich Hase zu dem Zeitpunkt jedoch lieber nicht. Er wirkte so schon besorgt genug. Nicht nur ein Mal bat er mich darum, mich nicht so zu verausgaben, dass er mich am Ende zum Auto tragen müsste. Als ob ich das jemals zugelassen hätte. Er kennt mich. Eher wäre ich zum Auto zurück gekrochen!
Das Liveset von Amazonica bot uns jedenfalls eine ziemlich fette Mischung aus HipHop, Rock, Metal und Reggae und ich kam nicht umher immer wieder zu betonen, wie hammer cool ich diesen Mix doch fand und wie genial die Übergänge gestaltet waren. Und obwohl die Mehrzahl der Leute natürlich für Machine Gun Kelly dort war, wir ja auch, konnte ich nicht verstehen, wie bei diesem DJ-Set so viele Füße ruhig stehen bleiben konnten! Gut, dass nicht jeder so hart auf Manson, System of a Down, Papa Roach, AC/DC, Nirvana und Co abgehen würde wie ich, war wohl auf einem HipHop Konzert zu erwarten. Trotzdem schade, ihr Musikbanausen!
Immerhin wurde Amazonica mit einem wohl verdienten Applaus von der Bühne verabschiedet. Ein Umstand, den ein gewisser Herr, den ich sehr lieb habe, fast nicht mitbekommen hätte. Zum Glück hat er ja einen persönlichen Nervbolzen mit Live-Ticker Funktion aka Moi.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass das Bühnenbild des Abends der helle Wahnsinn war. Schon bei Amazonica hatte man sich nicht lumpen lassen und das Logo der Künstlerin mit allerlei optischen Effekten unterlegt. Das versprach verdammt viel und Machine Gun Kelly übertrafen mit der eigenen Bühneninszenierung bei weitem alle Erwartungen, die wir hatten. Um es mit Hase zu sagen: "Anfangs dachte ich noch, mit Acid wär das alles sicher richtig nice. Am Ende hätte ich mich davor gefürchtet, Acid intus zu haben" und recht hatte er. Besser lässt sich das Ganze auch leider nicht beschreiben und ich werde gar nicht erst versuchen, es in Worte zu fassen.

Nach einer halbstündigen Umbaupause war es jedenfalls so weit: das Bühnenbild wurde reaktiviert, wir befanden uns auf einer animierten Straße, auf dem unteren Teil der Bühne war ein Taxi zu sehen und die Melodie von Sex Drive, dem Intro zum aktuellen Album Hotel Diablo ertönte. Während des Songs änderte sich mehrfach die LED-Projektion und schließlich erschien die Anweisung "Scream to Enter", welcher mindestens 1000 Fans liebend gern nachkamen. Ich fing dann wenige Sekunden später an zu quietschen, als die Band und zu guter letzt Colson die Bühne betraten. Holy Shit, der Mann ist heiß! Ich schäme mich nicht das zu sagen. Dünn, groß, muskulös - Träumchen! Zumindest für jemanden wie mich, der es eher hager und schlacksig mag. Verurteilt mich nicht.
Machine Gun Kelly spielten insgesamt ein mehr als anderthalb stündiges Set und ich war auf extrem vielen Ebenen beeindruckt. Sei es, weil der Gitarrist der Band sowohl mit seinen Zähnen als auch hinter dem Rücken spielen konnte und hammer gute Soli raus haute, oder weil Drummer Rooke sowohl seine Drumsticks drei Meter in die Höhe werfen und problemlos wieder fangen, als auch mit von Colson mit einem Bandana verbundenen Augen fehlerfrei weiter spielen konnte. Sucht es euch aus. Das sind ein paar verdammt talentierte Musiker!
Mein persönliches Highlight des Abends? Der gelungene Abstecher zur Verfilmung der Mötley Crüe Biographie The Dirt, in welcher Colson eine der Hauptrollen als the one and only Tommy f*cking Lee gespielt hat. Ja, ich bin Mötley Crüe Fan. Eigentlich hauptsächlich von Nikki, aber darum geht es ja jetzt auch nicht. Sondern es geht darum, dass Colson sich an die Drums gesetzt hat und ganz geschmeidig einen Ausschnitt aus Shout at the Devil, einem der bekanntesten Crüe Songs gespielt hat. Ich will nicht sagen, dass ich ausgeflippt bin, aber ich bin ausgeflippt vor Freude.
Ansonsten folgte am letzten Freitag in der Prinzenbar generell ein Sahnehäubchen dem anderen. Ob Habits, Lately, GTS, Let You Go, Bad Things oder auch 'Till I Die, die Klassiker kamen genauso wenig zu kurz wie die neuen Tracks von Hotel Diablo. Als kleines Zückerli folgte im Set auf Floor 13, wovon Hase mir ja nie glauben wollte, dass es sich um einen weiteren Disstrack gegen Eminem handelt, direkt Rap Devil. Danke, die Diskussion hätte ich damit auch endgültig gewonnen. Standpunkt erfolgreich unterstrichen. Und den aktuellen Hit I think I'm okay featuring Youngblud und Travis Barker gab es einfach mal direkt zwei Mal hintereinander auf die Ohren - zunächst in einer Album-, dann ich einer Solo-Version.

Ganz ehrlich, zu meckern gab es an diesem Konzertabend absolut gar nichts!
Tolle Fans, eine tolle Stimmung, eine wunderbare Bühnenshow, talentierte Musiker, Herzblut und Hingabe bildeten eine perfekte Einheit für ein unvergessliches Konzerterlebnis.

Ich war nach dem Ganzen so vom Hocker geblasen, dass mein Hirn anschließend bloß noch auf Sparflamme zu arbeiten bereit war. Kurzum: ich hab die Navigation von der Reeperbahn zurück auf die A21 gehörig verkackt. Aber wenigstens hab ich nicht Nickelback und Linkin Park verwechselt. Sorry, Hase, aber dir unterlaufen so selten gravierende Fehler, das darf nicht in Vergessenheit geraten. Ich hab dich trotzdem unendlich doll lieb! Dafür, dass ich darauf ein Weilchen rum geritten bin, wäre ich fast auf der Autobahn ausgesetzt worden. Das Risiko war es mir allerdings wert.

Zusammengefasst kann man sagen: das war der erste richtig gute Abend seit das mit meinem Rücken seinen Anfang genommen hat und ich bin unendlich dankbar dafür, dass wir diesen Ausflug gewagt haben! Auf unseren Urlaub mussten wir verzichten, aber wenigstens nicht hierauf.

Schmerzlich gesehen ging das Ganze sogar unerwartet gut vonstatten. Natürlich war ich während des Abends nicht schmerzfrei, doch das bin ich, wie ich inzwischen ja schon oft genug dargelegt habe, momentan eh nie. Aber durch die stete und doch begrenzte Bewegung beim Tanzen während des Konzerts, den kleinen Fußweg davor und danach und die Wärmflasche während zumindest einer der Autofahrten blieben die Schmerzen den gesamten Abend über auf einem gut erträglichen Level. Dazu muss gesagt sein: nur Stillstand ist wirkliches Gift für meine Wirbelsäule. Das heißt den ganzen Abend über zu sitzen oder still zu stehen wäre bei weitem schädlicher und schmerzhafter für mich gewesen. Somit habe ich mir mit diesem Konzert keinerlei zusätzlichen Schaden zugefügt. Und am Samstag und Sonntag habe ich natürlich nochmal ganz besonders darauf geachtet, durch meine Krankengymnastikübungen und den Gebrauch meiner Wärmflasche einen Ausgleich zum Freitag Abend zu schaffen.

Mir ist einfach wichtig, dass ich, bloß weil ich gerade ein akutes Rückenleiden zu bekämpfen habe, nicht komplett den Spaß am Leben verliere. Denn ich darf nicht vergessen, dass meine Psyche schon vor diesem Vorfall angegriffen war. Ich muss jetzt doppelt gut auf mich Acht geben und das ist nicht einfach...

Dienstag, 17. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Der Besuch beim Neurochirurgen
Endlich einmal eine gute Nachricht!

Am letzten Freitag war es ja nun endlich so weit und ich hatte meinen ersten Termin beim Neurochirurgen. Den Warnungen meiner Krankengymnastin zufolge hatte ich damit rechnen müssen, von einem durchgeknallten Operateur in OP-Schürze und mit noch vom letzten Eingriff blutigem Skalpell in Empfang genommen zu werden. Doch natürlich war dem nicht so. Ganz im Gegenteil. Meine mich begleitende Freundin und ich wurden nett und freundlich vom Vater der Kindergarten- und nun Schulfreundin meines Sohnes in Empfang genommen. Die Welt ist eben klein!

Ich setzte mich also hin und wir machten die Anamnese: Bandscheibenvorfall vor 10 Jahren, OP vor 9 Jahren, ein Kind, lebt aber nicht bei mir, Fibromyalgie seit letztem Jahr diagnostiziert, schwere Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörung, suizidale Tendenzen. Immer wenn ich das einem neuen Arzt aufzählen muss, fühle ich mich so richtig schön kaputt. Und ich weiß nie so recht, ob ich nicht vielleicht sogar noch etwas vergessen habe. Was wollen die Ärzte denn alles wissen? Muss ich nur aktuell relevante Dinge aufzählen oder wirklich alles, was ich bisher so hatte? Sind die wiederkehrenden Nierenbeckenentzündungen auch wichtig? Ist die Myositis von vor einigen Jahren von Interesse? Man, es war doch einfach schon so verdammt viel...

Als nächstes schauten wir alle gemeinsam die Bilder aus dem MRT an.
Der Doc erkannte sofort eine Fehlstellung meiner Lendenwirbelsäule, die sowohl angeboren als auch über die Jahre hinweg aufgetreten sein könnte. Meine Lendenwirbelsäule biegt sich irgendwie seltsam seitlich weg. Ich weiß nicht recht, wie ich das beschreiben soll. Sie macht einen Bogen, wo keiner sein sollte. Anstatt gerade nach unten weg zu gehen, beugt sie sich nach links.
Dann zeigte er uns meine Bandscheiben. Zunächst die gesunden, damit wir einen Unterschied erkennen würden. Dann die kaputten, welche in seinen Augen aber gar nicht so schlimm aussahen. Ich erkannte ehrlich gesagt nichts. Außer den Blubsis, die ich auch zuvor schon als ungesund identifiziert hatte. Besagte Blubsis sind wohl die Bandscheibenprotrusionen und der Prolaps. Man könnte also sagen: Blubsis irgendwie süß, aber böse.
Nach den Blubsis zeigte er uns eine Entzündung in meiner Beckenpfanne, von der wohl ein Teil meiner Schmerzen ausgeht und die man, da ich ja keine Schmerzmittel nehmen möchte, mit Cortisonspritzen behandeln könnte. Da ich jedoch nicht bereit war, mich direkt für die Cortisonspritzen zu entscheiden, stellte er zunächst lediglich eine neue Verordnung für Krankengymnastik und zusätzliche Fango aus.
Dann zeigte er uns, wie die Nervenkanäle in der Wirbelsäule verlaufen und erklärte, dass es wichtig sei, dass diese frei liegen würden. Als hauptsächlich bedrängten Nerv identifizierte er schließlich meinen Ischiasnerv, was er später durch ein gezieltes Drücken in mein Gesäß bestätigte. Aua!
Und als wäre das noch nicht genug gewesen, fiel gegen Ende der etwas makaberen Diashow noch der glorreiche Satz: "Ah ja, und hier fehlt ein Stück vom Knochen!" Wie jetzt, ein Stück vom Knochen fehlt? Ja, mir fehlt ein Stück von einem Knochen, weil nämlich die Operation von vor 9 Jahren, welche mir als endoskopischer, minimal invasiver Eingriff erklärt wurde damals, gar kein solcher gewesen sei. Diese Art des Eingriffs würden nämlich deutschlandweit nur eine Hand voll Experten überhaupt durchführen können und in Kiel säße keiner davon. Das war dann so der kleine Fun-Fact am Rande. Haha. Witzig. Nicht.

Es folgte die körperliche Untersuchung. Reflexkontrolle in Armen und Beinen, ein bisschen schmerzhaftes Herumgedrücke in Rücken und Gesäß und schließlich die Entwarnung: eine Operation wird vorerst nicht notwendig sein.

Wir verabschiedeten uns also freundlich bis zum nächsten Mal in 3-4 Wochen und ich konnte verwirrt, aber doch erleichtert, den Rest des Tages begehen. Und die erste Maßnahme nach einem solch aufwühlenden Termin lautete natürlich: Besuch im Stammcafé!

Montag, 16. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Vier Wochen Schmerz
Und kein Ende in Sicht...

Wie ist das eigentlich, wenn man ständig Schmerzen hat? Und ich rede nicht von einem kleinen Ziepen mal hier oder dort. Ich spreche von richtigen Schmerzen. Solche, die einen überlegen lassen, ob es sich überhaupt lohnt gegenan zu gehen. Solche, bei denen man sich fragt, ob Akzeptanz nicht der einfachere Weg wäre, die aber zu stark sind, als dass man sie einfach als gegeben hinnehmen könnte. Wie ist das?

Es ist ermüdend. Körperlich und seelisch ermüdend. Zumal einem keiner sagen kann ob und wann das Ganze wieder aufhört. Zwar sagen sie, ich hätte gute Chancen. Aber auf was eigentlich? Die Frage lassen sie offen. Allgemein wird von medizinischer Seite her momentan ganz viel lieber offen gelassen. Wahrscheinlich, damit alle Möglichkeiten gegeben bleiben und ich am Ende niemandem vorwerfen kann, man habe mir irgendeine Besserung versprochen.
Schwammige Aussagen gehen Hand in Hand. Der eine rät zur Stärkung der Muskulatur, der andere sagt: "Dafür ist es viel zu früh, die Muskulatur muss erst einmal gelockert werden und entspannen.", der nächste meint, die Entzündung müsse erst einmal abklingen. Doch einig sind sich alle wenigstens in einem Punkt: für eine richtige Reha bin ich noch viel zu "akut". Und ich stelle ganz vorsichtig die Frage: "Reha, das auch noch?", denn ich sehe die Zeit vor meinem geistigen Auge verstreichen und dieses Jahr bald enden.

Am Liebsten sind mir aber ja eh die Leutchen, welche doch ernsthaft meinen, weil ich seit einem Jahr mit Fibromyalgie diagnostiziert bin, wäre ich Schmerzen eh gewohnt und deshalb könne das mit dem Rücken doch jetzt gerade eigentlich gar nicht so schlimm sein. Nein, natürlich nicht. Der eine Schmerz relativiert den anderen. Brichst Du dir die Hand und ich breche dir darauf hin zusätzlich noch ein Bein, dürfte das Bein doch gar nicht mehr so schlimm sein. Du kennst den Schmerz doch schon aus der Hand.
Bitte? Was ist das für eine bescheuerte Logik? Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen heutzutage so dumm geboren werden oder ob die Gesellschaft einen irgendwann so dumm macht. Solche Aussagen sollten einem gar nicht erst über die Lippen kommen dürfen bei auch nur andeutungsweise vorhandener Intelligenz und einem wenigstens in groben Zügen gegebenem Moralverständnis.

Ich relativiere eure Päckchen, Probleme und Gebrechen nicht - wagt es also nicht bei meinen!

Doch die schwammigen oder Intelligenz abstinenten Aussagen meiner Mitmenschen sind natürlich nur ein Teil des Problems. Ehrlich gesagt, habe ich auch trotz unbefristeten Arbeitsvertrages nicht das Gefühl, man wird mich in der Firma behalten wollen nach der ganzen Sache. Meine Vorgesetzten klingen, vorsichtig gesagt, skeptisch bei der momentanen Sachlage. Sie sprechen von Wiedereingliederung, wo aus medizinischer Sicht noch nicht einmal von Rehabilitierung gesprochen wird. Am liebsten wäre der Wiedereinstieg zur neuen Schulungsphase - beginnend zum ersten Oktober diesen Jahres. Bei dem Gedanken entfleucht mir höchstens ein leises Lachen. Und es ist zwar bloß ein Gefühl, aber man kennt ja den Arbeitsmarkt. Und ich bekomme den Druck doch zu spüren. Mein Arbeitsplatz mag ja vieles sein. Aber sicher?
Um für den Arbeitsmarkt und Arbeitgeber interessant zu bleiben, trotz meiner nun körperlichen Einschränkung und der ja eh schon lange gegebenen psychischen Einschränkungen, überlege ich nun tatsächlich einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Da habe ich mich zwar jahrelang gegen gewehrt, doch ich fürchte, so langsam ist der Zeitpunkt gekommen, an dem das durchaus sinnvoll wird. Zumal ein solcher Ausweis es wohl der Firma noch einmal erschweren würde, mich loszuwerden.

Aber die Zeit sitzt mir gefühlt nicht nur in Bezug auf die Arbeit im Nacken. Ich bin Geringverdiener, rutsche bald ins Krankengeld und damit, salopp gesagt, mit Anlauf unter die Armutsgrenze. Dass das nicht gerade Jubel und Begeisterungsstürme bei mir auslöst, brauche ich wohl nicht zu erklären. Es ist ein absolut beschissenes Gefühl, sein eigenes Geld verdienen zu wollen und ja auch Arbeitnehmer zu sein, aber es nicht zu können, weil der Körper meint: "Sorry, aber ich mache hier gerade nicht mehr mit".

An manchen Tagen frage ich mich, ob es leichter wäre, hätte es irgendein auslösendes Momentum für das Ganze gegeben. Einen Sturz, einen Schlag auf den Rücken, irgendwas. Doch dann denke ich mir wieder: "Was hätte es geändert?", und ich fürchte, die Antwort lautet "nichts". Es hätte nichts an der Gesamtsituation geändert. Die Schmerzen blieben gleich, die Ungewissheiten und Sorgen ebenso. Und ob ich dadurch psychisch besser mit allem fertig würde, sei nochmal dahin gestellt. Das kann ich mir jetzt natürlich einreden. Doch es steht auf der Seite eines Buches, welches so nicht geschrieben wird.

Dieses Buch schreibt sich nun einmal genau so, wie es sich für mich zugetragen hat. Keine Auslöser, keine einfachen Erklärungen...

Ich kann nur dankbar sein, für die Stütze und den Halt, welche ich aus meinem Freundeskreis heraus erfahre. Für das Rausholen am Wochenende, die Gespräche bei Tee im Café, die Gesellschaft bei mir daheim, die kleinen Spaziergänge, das viele Zuhören, die Tipps und Ratschläge, sowie die Begleitung zu wichtigen Terminen. Und ich bin da dankbar für. Sehr sogar. Denn ohne wüsste ich nicht, wie ich diese Zeit überstehen sollte. Einer solchen Flut ist ohne genügend Ankerpunkte leider nur sehr schwer Stand zu halten...

Sonntag, 15. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Krankengymnastik
Schmerzverlagerung durch Muskelkater

Da mir irgendwie niemand so richtig erklären konnte oder wollte, was denn nun los ist mit meinem Rücken, erschien es nur sinnvoll, mich erst einmal in die Krankengymnastik zu schicken. Und der Krankengymnastin erschien es, auf Grund meiner Vorgeschichte, natürlich sinnvoll, erst einmal meine Muskulatur zu stärken. Also machte ich in den letzten zwei Wochen so viel so genanntes Core-Training, also Training um die Kernmuskulatur des Körpers zu stärken, wie in den letzten 10 Jahren nicht.

Meine Krankengymnastin ist eine recht rüstige ältere Dame, deren Methoden manchmal etwas hart erscheinen. Doch mit der Zeit merkt man, dass das eben einfach ihre Art von Fürsorge ist. So Sätze wie: "Sie dürfen nie wieder das Haus verlassen, ohne ihre Rückenübungen gemacht zu haben!", klingen natürlich zunächst einmal ganz schön krass, aber man gewöhnt sich an diese Form von Nachdrücklichkeit. Und sie hat ja auch nicht unrecht.
Außerdem hat sie auch diese weiche Seite an sich, die einem erzählt, wir schreiben mit den Übungen, die wir machen ein Gedicht und jede neue Übung bildet einen neuen Vers unseres Gedichts. Das sind ihre Bob Ross Momente der Krankengymnastik.

Also, unser Gedicht ist eines über das Liegen. Bewegtes Liegen, könnte man sagen. Und bisher geht es folgendermaßen:

Wipp die Füße gemeinsam im Takt, hoch die Spitzen, 20 Mal
Und nun wechseln die Füße sich schön ab, beide 20 Mal, die Zehen zum Schienbein
Wichtig sind die angezogenen Beine mit gebeugten Knien! 
10 Mal kneif die Pobacken zusammen und dann hoch in die Brücke
Zur Entspannung mit den Beinen schaukel 20 Sekunden lang 
Nimm dir einen Hocker zu Hilfe, leg die Unterschenkel auf ihm ab
Und nun stemme 20 Sekunden erst das linke, dann das rechte Bein von dir weg
Nicht vergessen, den Brustkorb zu heben!
Und nun gerade vor beide Beine weg. Stemm sie weg!
Und nun stemm sie auseinander und zusammen.
Immer schön 20 Sekunden halten bei drei Wiederholungen. 
Ein Mal ist Kennenlernen,
Zwei Mal ist Erinnern,
Drei Mal ist Training.
Wir machen Training! 
Und nun fahren wir Fahrrad.
Erst das eine, dann das andere Bein.
20 Sekunden auf dem Fahrrad sollen sie sein. 
Und nun werden wir dynamisch.
Die Ellbogen wollen die Knie grüßen,
Der rechte das linke,
Der linke das rechte.
Und immer schön in die Übung hinein atmen.

Um den Rücken ein wenig zu entspannen bei dieser doch recht anstrengenden Prozedur, empfiehlt es sich, eine Wärmequelle im Rücken zu haben. Bei der Krankengymnastik ist es ein Wärmekissen mit Fangofüllung, was sehr angenehm ist. Zuhause verschafft mir die Wärmflasche Abhilfe.

Ich muss allerdings zugeben, dass die Frage,ob mir die Krankengymnastik hilft, mich jedes Mal ein wenig überfordert. Ich kann wirklich nicht sagen, ob sich an der körperlichen Gesamtsituation schon etwas geändert hat. Wenn man einen Monat lang ständig in irgendeiner Form Schmerzen hat, Nervenschmerzen, also wirklich schlimme Schmerzen, wie meine Krankengymnastin zu betonen nie müde wird, dann verschwimmt alles auf seltsame Art und Weise zu so einer Art Schmerzbrei. Und ich habe ehrlich gesagt noch nicht gelernt, innerhalb dieses Schmerzbreis zu differenzieren. Mein linkes Bein tut irgendwie immer in irgendeiner Form weh, manchmal piekst es mich im linken Fuß, manchmal wirkt der Knöchel kribbelig taub oder das Knie wirkt seltsam losgelöst vom Bein. Im rechten Bein merke ich hingegen weniger. Da kribbelt vielleicht mal der Knöchel oder es entsteht etwas Druck im Fußrücken. Aber was macht das schon im Vergleich zur linken Seite? Und der Rücken? Mal tut er weh, mal nicht, mal weiß ich es nicht, weil der Brei zu breiig ist. Eventuell habe ich mich an manche Schmerzpunkte auch schon gewöhnt. Zumindest im Alltag. Oder ich mache unterbewusst durch Schonhaltungen alles kaputt. Woher soll ich es wissen? Mein Körper fühlt sich so fremd an. Wir müssen erst noch irgendwie wieder zu einander finden. Und wie das gehen soll, das scheint mir niemand so recht erklären zu können. Oder ich bin zu dumm, es zu verstehen. Vielleicht nicht zu dumm, aber immer noch ganz grundsätzlich viel zu überfordert.

Das war ein verrückter Monat. Alles ändert sich in irgendeiner Form. Und ich habe noch immer so viel Fragen, welche meinen Kopf durchschwirren und mir nicht selten Kopfschmerzen bereiten...

Samstag, 14. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Der Befund ist da
Hat mal jemand 'nen Übersetzer "Mediziner - Deutsch" parat?

Befund: 
Voraufnahmen zuletzt vom 04.03.2010 zum Vergleich vorliegend.
Keine Fraktur der unteren BWS, der LWS oder des teilerfassten knöchernen Beckens. Keine raumfordernden entzündlichen oder neoplastischen spinalen Prozesse abgrenzbar bei unauffälliger Abbildung der kaudalen Myelonanteile. Bilaterale Spondylarthrose der Bewegungssegmente LW III/IV bis LW V/SW I, betont im Segment LW IV/V rechts.
Im Übrigen Abbildung folgender segmentbezogener degenerativer Bandscheibenveränderungen:
LW III/IV: Breitbasige Bandscheibenprotrusion mit nach inferior gerichteter Anulusfissur, zentral mit Pelottierung des Duralschlauches, dabei marginale Tangierung der L4-Wurzeln beidseits rezessal (eine Nervenwurzelbedrängung ist hier allerdings nicht ersichtlich). Marginale Tangierung auch der L3-Wurzeln beidseits foraminal.
LW IV/V: Exzentrischer Disc-Bulge mit rezessaler Bedrängung der L5-Wurzel rechts und Tangierung der L5-Wurzel links bei bilateraler Rezessusstenose (rechts mehr als links). Marginale Tangierung der L4-Wurzeln beidseits foraminal.
LW V/SW I: Nach kaudal umgeschlagene mediane Diskusextrusion mit Tangierung der S1-Wurzeln beidseits rezessal.
 
Beurteilung: 
LW IV/V: Partiell nach kaudal umgeschlagener exzentrischer Disc-Bulge mit Bedrängung der L5-Wurzel rechtsrezessal und Tangierung der L5-Wurzel linksrezessal bei bilateraler Rezessustenose (rechts mehr als links).
LW V/SW I: Nach kaudal umgeschlagene mediane Diskusextrusion mit rezessaler Tangierung der S1-Wurzeln beidseits.
Bilaterale Spondylarthrose der Bewegungssegmente LW III/IV bis LW V/SW I mit Punktum maximum im Segment LW IV/V rechts.

Ja, wow. Das liest sich erstmal... Ja, wie liest sich das eigentlich? Ziemlich undurchsichtig für den Laien und ich muss sagen, bei medizinischen Befunden wünscht man sich im ersten Moment irgendwie immer erst einmal noch einen Anhang mit der Übersetzung für Dummies. Oder eine behandelnde Ärztin, die wenigstens ein bisschen übersetzt und nicht einfach nur den Befund und eine Überweisung zum Neurochirurgen, sowie die neue Krankschreibung und eine Verordnung für Krankengymnastik drucken und zur Abholung bereit legen lässt. Naja, immerhin lag dem Ganzen noch die Visitenkarte eines Neurochirurgen bei.
Und inzwischen hatte ich ja auch einige Tage Zeit, mich mit dem Befund auseinander zu setzen. Was ich als Laie verstehe ist, dass zum Glück nichts gebrochen ist. Desweiteren verstehe ich, dass meine Lendenwirbelsäule ziemlich im Eimer ist, irgendwelche Nervenwurzeln bedrängt werden, wodurch diese abartigen Schmerzen entstehen, meine Bandscheiben vieles machen, nur scheinbar nicht, was sie sollen und meine Wirbel rheumatisch bedingt irgendwie verknöchert sind. Klasse! Ganz toll. Nicht.

Während ich diesen Text verfasse, bin ich nur noch drei Stunden von meinem ersten Termin bei besagtem Neurochirurgen entfernt. Vermutlich wird der mir mehr zu dem Ganzen sagen und erklären können, wenn er sich denn hoffentlich die entsprechende Zeit für mich und meinen Fall nimmt. Ist ja leider auch immer reine Glückssache. Laut meiner Mutter sind jedoch zumindest die Rezensionen zu ihm im Internet gut und er ist wohl niemand, der leichtfertig Operationen anordnet. Und auch eine Freundin meinte, ihr Osteopath hält ihn für einen guten Arzt. Das macht mir zumindest ein wenig Hoffnung für den Termin nachher. Ich werde dann an anderer Stelle ausführlich dazu berichten.

Gerade kann ich nur sagen, einen solchen Befund samt Überweisung zum Neurochirurgen in die Hand gedrückt zu bekommen, ist ein richtig beschissenes Gefühl. Denn allein schon das Wort "Chirurg" triggert. Sofort schießt einem die Angst vor einer (in meinem Fall erneuten) OP an der Lendenwirbelsäule in den Kopf. Ich wurde direkt von einer Flutwelle aus Erinnerung, Angst und unverarbeitetem Trauma erfasst. Nun belasteten mich nicht mehr nur noch die Schmerzen, die Ungewissheit, die bescheuerte Situation auf Arbeit und das Gefühl der Einsamkeit und Isolation. Nein, ich hatte nun auch noch Angst vor dem, was der Facharzt sagen oder entscheiden könnte.

Jetzt, Freitag Vormittag, so wenige Stunden vor dem Termin ist die Angst glücklicherweise abgeflacht. Ein Schutzmechanismus. Und ich werde mich, genau wie zum MRT, auch diesem Termin nicht ohne Begleitung stellen müssen. Dennoch kann ich nicht im Geringsten behaupten, es ginge mir gut mit all dem. Denn es geht mir beschissen. Bald rutsche ich ins Krankengeld und die Existenzangst dadurch ist nicht zu unterschätzen. Doch auch darum werde ich mich mit Unterstützung kümmern.

Das Leben geht weiter und an die ganzen Ungewissheiten werde ich mich gewöhnen müssen. Niemand konnte mir in den mehr als vier Wochen bis heute sagen, wie es weiter gehen wird. Und morgen, wenn ihr das hier lest, wird diese Odyssee bereits einen ganzen Monat über andauern...

Freitag, 13. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Warten auf den Befund
Die Ungewissheit macht einen wahnsinnig

So schnell ich den Termin für mein MRT der Lendenwirbelsäule erhalten haben mochte, auch ich kam nicht um eine quälend lange Wartezeit herum, bis der Befund endlich bei meiner Ärztin eintrudelte. Und diese Wartezeit machte mich von Tag zu Tag mehr und mehr mürbe. Sie schadete nicht nur meiner eigenen Psyche, sondern auch meinem Umfeld. Ich wurde von Tag zu Tag angespannter, wusste nicht wohin mit mir und meinen Schmerzen. Mücken wurden zu Elefanten. Ich wurde immer emotionaler, verletzlicher, angreifbarer. Ich suchte nach Halt. Verzweifelt.

Wo mich das hin gebracht hat? In ziemlich beschissene Situationen.

Zum einen ist es psychisch natürlich extrem belastend, wenn man weiß, irgendetwas stimmt mit einem nicht. Man hat extreme Schmerzen und weiß nicht genau woher. Man merkt, man kann körperlich nicht mehr so agieren, wie noch in der Woche zuvor. Die große Frage nach dem "Warum?" schwebt mahnend über einem und gleichzeitig quält einen die schreckliche Ungewissheit des "Wie lange?".

Zum anderen kann man sich in einer solchen Situation unfassbar schwer erklären. "Ich habe Rückenschmerzen. Ich glaube, es könnte etwas mit meinen Bandscheiben sein. Ich rechne ein bisschen mit einem Bandscheibenvorfall. Ich weiß es aber nicht. Ich war im MRT und warte auf den Befund. Wann der Befund ankommt, weiß ich ebenfalls nicht", so mein Standardtext die kommenden zwei Wochen nach meinem unglücklichen Besuch in der Röhre. Das ist nicht nur für einen selbst eine absolut unbefriedigende Aussage. Arbeitgeber, durfte ich feststellen, finden das auch eher unglücklich. Das bekam ich in einem Termin bei unserem Firmen internen Berufseingliederungsmanagement in der folgenden Woche deutlich zu spüren. Am Ende waren alle beteiligten Parteien so frustriert, dass die für mich zuständige BEM-Mitarbeiterin recht ungehalten meinte: "Naja, Du bist ja halt auch kein Arzt", und ich mir ein "Shit, Sherlock, ernsthaft?!" gerade noch so verkneifen konnte. Was erwartete man denn in diesem Moment da auch von mir? Ich hatte doch selbst keine einzige Antwort auf alle meine Fragen.
Natürlich blieb ich dennoch ruhig und freundlich. Was sollte ich auch machen? Gegenanstänkern? Schlechte Idee. Schon wieder brav zu allem "ja" und "amen" sagen? Ne, sorry, dafür war mein Schmerzpegel inzwischen dann doch zu hoch. Also? Klappe halten, mich für das Gespräch bedanken, gehen und mich bei meinem derzeitigen (noch-)Teamleiter über das Ganze auskotzen. War vielleicht auch nicht die galanteste Lösung, aber immer noch besser, als tatsächlich mit einem "Shit, Sherlock, ernsthaft?!" um die Ecke zu kommen.

Und natürlich bekommt auch das private Umfeld so seine Auswirkungen des Ganzen zu spüren. Man ist plötzlich nicht mehr so geduldig mit seinen Freunden und Mitmenschen, wie man es sonst vielleicht immer gewesen ist. Plötzlich will man sich selbst in irgendeiner Form in den Fokus gerückt sehen. Man möchte und braucht Aufmerksamkeit, denn man fühlt sich nicht nur ein bisschen aus der Bahn sondern ziemlich doll aus dem Leben geworfen. Das soziale Umfeld schrumpft zusammen und man hat keine Ahnung, wann der Urzustand wiederhergestellt sein wird, geschweige denn, ob das überhaupt der Fall sein wird.

Blöd ist es natürlich, wenn man in dieser sowieso schon verletzlichen Position auf die Idee kommt, sich nochmal extra verletzlich zu machen und eine Textnachricht an einen Lieblingsmenschen zu verfassen, in der man demjenigen erstmals sagt: "Hey, ich mag dich. Also so richtig. Und ich kann mir eine gemeinsame Zukunft mit dir in welcher Form auch immer ernsthaft vorstellen. Das macht mir zwar irgendwie Angst, aber Du machst etwas mit mir, das mich auf all diese Ängste scheißen lässt". Was in der Kürze und Prägnanz vielleicht noch okay gewesen wäre. Ich schoss jedoch einmal mit Anlauf und vollem Karacho übers Ziel hinaus und es wurde ein ganzes Gedicht daraus, auf welches eine direkte Antwort ausblieb. Was bei mir zu Paranoia, Vorwürfen mir selbst gegenüber und Panik führte, einen mir wirklich wichtig gewordenen Menschen aus meinem gerade eh schon nicht so pralle laufenden Leben vertrieben zu haben.
Zum Glück blieben bei all dem Trubel noch mindestens drei Hirnzellen intakt und ich schaffte es ein persönliches, klärendes Gespräch herbei zu führen. Und das Gespräch lief wirklich gut. Ich war am Ende komplett erleichtert, alles würde beim Alten bleiben, es würden sich Wege finden, ganz ohne Druck - Lieblingsmensch gerettet. Ich konnte die Nacht bei ihm bleiben, begleitete ihn am nächsten Morgen wie gewohnt zum Bus und wir verabschiedeten uns genauso herzlich, wie ich es von uns gewohnt bin.
Damit wir beide mal wieder so richtig den Kopf frei bekommen könnten, schlug ich sogar noch einen Ausflug am nächsten Tag, einem Sonntag, vor, welchem er direkt zustimmte. Und ohne ins Detail gehen zu wollen - das war der schönste Ausflug meines Lebens. Es war herzlich, fröhlich, liebevoll, wir machten neue Pläne, waren inspiriert als Künstler, regelrecht euphorisiert. Ich kam mir zum ersten Mal im Leben vor wie eine Märchenprinzessin. Und es war cool. Ich hatte gar nicht das Bedürfnis, die Schildmaid zu mimen. In seiner Gegenwart sind keine Schutzmauern notwendig.
Und nun... habe ich seit einer Woche nichts mehr von ihm gehört. Weil ich erneut zu schwach war, meine Situation auszuhalten. Weil ich erneut einer eigentlich gar nicht so dramatischen Alltagssituation im zwischenmenschlichen Beisammensein nicht standhalten konnte. Und am letzten Donnerstag hatte ich nicht einfach nur schlechte Laune. Ich hatte einen kompletten Nervenzusammenbruch. Ich weinte, fluchte, war offen verzweifelt.

Der Befund, die Krankengymnastik, die Ungewissheit bis zum noch ausstehenden Termin beim Facharzt und dann noch eine auf völlig blöde Art und Weise geplatzte Verabredung waren zu viel für mich. Mein Fass war voll, lief über und die Flutwelle erwischte den Falschen...

Donnerstag, 12. September 2019

Odyssee des Schmerzes

Das MRT des Grauens
Wie die Angst erneut Besitz von mir ergriff...

Natürlich sei zunächst hervorgehoben, dass es wirklich wirklich toll ist, in nicht einmal 24 Stunden einen Termin zum MRT zu erhalten. Gerade in Akutfällen ist das wirklich Gold wert. Denn seien wir mal ehrlich: geht am menschlichen Körper etwas kaputt, dann ist schnelles Handeln für gewöhnlich nicht ganz unerheblich für einen reibungslosen Behandlungsverlauf und um eventuelle Folgeschäden nach Möglichkeit zu verhindern.

Nun war mir ja schon im Vorherein bewusst, dass ich mit der Röhre so meine Probleme bekommen könnte, deshalb war es für mich umso wertvoller, dass eine wirklich gute Freundin sich direkt anbot, mich zu diesem Termin zu begleiten. Wir verabredeten uns also zum Frühstück in unserem Stammcafé, um dann von dort zeitig zum Termin weiter ziehen zu können. Ob ich was gegessen habe, kann ich im nachhinein gar nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich nicht. Mir war doch ziemlich übel.
Denn so toll es auch ist, so schnell die Möglichkeit zu erhalten, sich durchchecken zu lassen, so beunruhigend war dieser Umstand doch auch für mich. Warum? Ganz einfach aus dem Grund, dass diese Termine rar sind und für gewöhnlich nicht so schnell vergeben werden können. Die Kürze der Zeit zwischen Terminanfrage und dem eigentlichen Termin verdeutlichte für mich also schon im Vornherein lediglich die augenscheinliche Dringlichkeit meines Falles.

Als wir in der Radiologiepraxis ankamen, empfing uns wirklich freundliches Personal und wir wurden direkt ins richtige Wartezimmer geleitet, nachdem ich die erforderlichen Unterlagen, wie unter anderem den Anamnese-Bogen, ausgefüllt hatte. Es folgte eine relativ kurze Wartezeit, während derer ich schon einmal begann, meine zahlreichen Piercings zu entfernen. Ein Akt! Aber gut, das wusste ich vorher.
Schließlich wurde ich in die Umkleide gebeten, um mich für die Untersuchung zu entkleiden und der Radiologieassistent klärte mich darüber auf, wie ich in die Röhre gefahren werden würde, dass es einen Notfallknopf gäbe und wie lange die Untersuchung ungefähr dauern würde. Natürlich fragte ich direkt, ob es sich um ein offenes MRT handele. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und sie starb direkt. Das MRT war nicht nur geschlossen, es war auch noch eine eher enge Röhre und ich würde mit dem Kopf voran hinein gefahren werden. Die Katastrophe war vorprogrammiert. Doch ich blieb erstaunlich optimistisch und gab mich kämpferisch. Wie schlimm könnte das schon werden?!

Ehm, ja... sehr schlimm!

Es dauerte keine 30 Sekunden, ich war noch nicht einmal zur Hälfte in dieser verflixten Röhre und ich schrie. Ja, ich habe geschrien. Und wie ich geschrien habe! Bis in den Wartebereich war ich zu hören und meine Freundin war sofort alarmiert. Im Gegensatz zum Radiologieassistenten, welcher mich zwar direkt aus der Röhre fuhr, jedoch auf meine Panikattacke eher unschön reagierte. Ich könne mich ja auch einfach wieder abregen und das passiere ja eh häufiger und ob ich mir nicht ein Sedativum vom Arzt verschreiben lassen und nochmal wieder kommen wolle. Klar, der gute Herr rappelt seinen Text sicher häufiger mal runter und manche Menschen sind eben nicht sehr Empathie begabt, aber in dem Moment, während ich schutzlos, halbnackt und hyperventilierend, mit extremen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule und kaum zu Bewegung fähig vor ihm saß, hätte er für mich persönlich kaum beschissener reagieren können.
Ich ging also schluchzend und zitternd zurück in die Umkleide. Ein Glück klopfte es recht schnell von Außen an die Tür eben dieser. In meiner Überforderung konnte ich nämlich kaum noch einen klaren Gedanken fassen und wollte einfach nur noch weg von diesem Ort. Doch ich öffnete die Tür und fiel meiner Freundin erschöpft und hilflos in die Arme.

Sie und der für das MRT zuständige Radiologe redeten mir schließlich noch in der Umkleide gut zu und überredeten mich zu einem zweiten Versuch, nachdem meine Freundin und ich einen Kaffee trinken gegangen wären. Ich bin mir ziemlich sicher, die beiden wussten genauso gut wie ich: wäre ich ganz gegangen, dann wäre ich nicht mehr wieder gekommen. Was, ausgehend von meinem heutigen Wissensstand, wohl fatal gewesen wäre.

Nun ja, wir gingen also um's Eck einen Kaffee trinken und kamen anschließend für Versuch Nummer zwei wieder. Diesmal lief alles anders. Besser. Es war meine Freundin, die mich in die Röhre begleitete und neben mir stand, meine Hand hielt und bei jedem Untersuchungsabschnitt die Sekunden herunter zählte, wenn die Einheit geschafft war. Wie das möglich war? Es wurden gar nicht erst Anstalten gemacht, mich erneut mit dem Kopf voran in dieses Monstrum bekommen zu wollen. Ich wurde dieses Mal mit den Füßen voran hinein gefahren, so dass ich immer noch nach draußen blicken konnte. Es schloss sich also nicht erneut gefühlt ein Sarkophag um mich und die Untersuchung konnte tatsächlich erfolgreich abgeschlossen werden.

Zwar war ich immer noch ziemlich fertig danach, aber auch einfach erleichtert. Der Akt war geschafft! Und ich hatte die Aussicht, den Abend und die Nacht bei einem Lieblingsmenschen verbringen zu können. Das half, den Rest des Tages auch noch zu überstehen.

Ab diesem Moment begann jedoch das Warten und die Ungewissheit bekam erste Chancen, an mir zu nagen...

Ps.: dies war der letze Tag dieser Odyssee, an dem ich Schmerztabletten zu mir nahm - die haben nämlich gegen diese Art von Schmerz keinerlei Wirkung gezeigt.